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Journalismus in Deutschland:Ohne Menschen wird es auch in Zukunft nicht gehen

Dass es den Verlag Gruner + Jahr härter trifft als Medienhäuser von nicht gar so großer Bedeutung, liegt daran, dass die Fallhöhe eine ganz andere ist als bei denen. Ob anderswo, in Hamburg oder in Offenburg, ein Chefredakteur fünf, sechs, sieben Blätter leitete, ob Sprachlose eigene Kolumnen bekamen, war etwa so wichtig wie das Umfallen jenes berühmten Sacks mit Reis in China. Bei G+J, wohin es uns zog, aber spielte Geld keine Rolle, sobald es um Qualität ging.

Hier zählten bei Recherchen die Ergebnisse und nicht die Kosten der Etappen auf der Reise zum Ziel. Man sang zwar nicht täglich We are the champions, doch man fühlte sich so. Nicht nur die Champions beim Stern, wo nach dem Skandal mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern wenigstens für immer die üble Arroganz der Macht beerdigt wurde. Sondern auch bei anderen Magazinen des ehrenwerten Hauses.

Doch vom Brot der frühen Jahre, dick belegt mit vierzehn Monatsgehältern, Gewinnbeteiligung, Dienstwagen, also mit fettem Schinken und Speck, kann man nicht mehr zehren. Im Wortsinne musste abgespeckt werden. Neue Spesenordnungen - Interviews per Skype statt live vor Ort, Übernachtungen gern bei Freunden statt im Hotel - reichten nicht. Die Schließung ganzer Magazine und Zeitungen auch nicht. Gespart wird deshalb am human factor. Der Mensch als Mittel. Punkt.

Doch ohne Menschen wird es auch in Zukunft nun einmal nicht gehen. Ohne Wahnsinnige, Kreative, Mutige, Unberechenbare, die daran glauben, dass am Ende des Regenbogens ein Schatz liegt, den nur sie alleine heben können. Ohne die Autoren und Fotografen, die einen Augenblick erkennen und ihm befehlen können, verweile doch, du bist so schön. Alles andere lässt sich nachschlagen.

Doch immer noch wie ehedem und erst recht, wenn alle googeln, werden die Menschen berührt oder informiert, aufgeschreckt und aufgerüttelt nicht mit 140 Anschlägen, sondern mit Geschichten, von denen sie noch nie gehört oder noch nie aus einer bestimmten Perspektive gelesen haben. An dieser simplen Erkenntnis hat sich nichts geändert durch neue Formen des Journalismus, durch die Herrschaft der digital natives über die digital immigrants oder gar analogen Nostalgiker.

Erfolg trotz Qualität

Blogwarte jedweder Couleur ersetzen nicht eine - eben doch nötige - moralische Grundhaltung. Das ist altmodisch. Aber immer noch wahr. Es trifft, auch das ist wahr, nicht immer die Falschen, sobald Journalisten freigesetzt werden. Auch bei denen gibt es viele, die andere Berufe schwänzen.

Was bei Gruner + Jahr passiert, ist eine Kulturrevolution. Es dürfte für die Vorstandschefin Julia Jäkel verdammt schwierig werden, am Ende als Siegerin auf dem Schlachtfeld zu stehen. Aber richtig ist auch: In Gefahr und Not bringt der Mittelweg den Tod. Wie man Erfolg trotz Qualität haben und schwarze Zahlen schreiben kann, zeigen beispielsweise die Geo-Enkel namens Geo Epoche, Geo Wissen, Geo Kompakt, alles mutige Hausgeburten.

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