Journalismus:Woher würden Blogger und Hobby-Publizisten ohne Medien ihren Stoff beziehen?

Ulrich Wickert warnt zu Recht davor, den Journalismus in einen oberflächlichen medialen Amüsierbetrieb zu verwandeln. Präzision und Richtigkeit müssen auch online vor Schnelligkeit gehen. Dafür zeigen Journalisten oft mehr Sinn und Verständnis als die Schnellschlauen in der sozialen Medienmeute.

Stefan Schulz hadert dennoch grundsätzlich mit dem politischen Journalismus: Die Nachrichten und politischen Wochenendmagazine im Fernsehen seien nur "Gossip-Reports". So wie sich die Boulevardmeldungen der Privatsender mit den Schönen und Reichen befassen, würden sich ARD und ZDF auf die Mächtigen konzentrieren. Das politische Leben schrumpfe zusammen "auf das persönliche Kräftespiel von zehn Bundespolitikern".

Das ist schön zugespitzt und ein Körnchen Wahrheit zweifellos dabei. Seit jeher diagnostiziert die Medienforschung einen Hang des Journalismus, Politik zu personalisieren und strukturellen und institutionellen Faktoren der Politik zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Doch zu einem vollständigen Bild gehört, dass das Agieren der Spitzenpolitiker tatsächlich bedeutsam ist - und dass die Medien sehr wohl auch themen- und problemorientorientiert berichten, die wiederholte Darstellung weniger prominenter Personen jedoch viel stärker in Erinnerung bleibt.

Aus Schulz' Diagnose ließe sich folgern, die Demokratie nähme kaum Schaden, wenn der Journalismus einginge. Aber woher würden die Blogger und Hobby-Publizisten, von denen nur einige ernsthaft recherchieren, dann ihren Stoff beziehen? Wo kämen die klugen Analysen und Kommentare her - auch jene, über die man sich leidenschaftlich streiten kann?

Wenn man sich vorstellt, morgen erschienen keine SZ, keine FAZ, keine Lokalzeitungen, keine Interviews im Deutschlandfunk, keine Tagesschau und keine Heute-Sendung - würde es genügen, dass Angela Merkel sich per Podcast an die Menschen wendet?

Die Rolle, die das Bundesverfassungsgericht dem Journalismus zugesprochen hat, kann aus der Demokratie nicht gestrichen werden. Es lohnt sich, ihn zu schützen und zu verteidigen, notfalls: ihn zu retten. Und das sei bereits dringend notwendig, glaubt Julia Cagé, eine junge Ökonomie-Professorin aus Paris. Noch nie habe es so viele Zeitungsleser gegeben wie in der Gegenwart, in der man sich von einem (kostenlosen) Online-Artikel zum nächsten klicken kann. Doch ökonomisch seien die Medien so schwach wie nie zuvor. Cagé schlägt deshalb ein neues Unternehmens- und Finanzierungsmodell vor.

Was könnte helfen?

Die Medien dürften nicht zu Marionetten einflusshungriger Milliardäre werden, die Idee eines selbstverwalteten Journalismus sei allerdings auch nur eine Utopie. Medien, die im Eigentum ihrer Belegschaften stünden, würden schnell scheitern. Die Ökonomin entwirft eine Aktionärsdemokratie, die den Medien stabiles Eigenkapital verschaffen soll. Sie wünscht sich eine neue Rechtsform: die einer nicht gewinnorientierten "Mediengesellschaft".

Eine Zwischenform aus Aktiengesellschaft und Stiftung soll helfen, die Gesetze des Marktes zu überwinden. Medien sollten nicht an die Börse gehen, fordert Cagé. Die Jagd nach Gewinnen würde dazu führen, das Ziel aus den Augen zu verlieren, das Publikum mit unabhängigen und verlässlichen Informationen zu versorgen. Wie Wickert hält Cagé an dem Gedanken fest, dass die Medien unverzichtbar sind für eine aufgeklärte Gesellschaft.

Die propagierte Rechtsform für Medienunternehmen sähe so aus: Teilhaber könnten ihre (steuerlich geförderten) Einlagen nicht zurückziehen, es würden auch keine Dividenden ausgeschüttet. Wer mehr als ein Prozent zum Stammkapital beisteuert, erhält Stimmrechte. Die vielen, die weniger beisteuern, könnten sich in Vereinen organisieren, um Einfluss zu nehmen. Damit nicht ein paar Reiche kontrollieren, will Cagé das Prinzip "eine Aktie, eine Stimme" außer Kraft setzen und eine Schwelle festsetzen, jenseits derer die Stimmrechte weniger als proportional zur Kapitaleinlage steigen würden.

Das Modell läuft darauf hinaus, die Medien auf eine breite Eigentümerbasis zu stellen. Cagé hofft, dass sich durch entsprechende Anreize "Lesergesellschaften" bilden; sie sieht darin eine "Wiederaneignung der Information nicht bloß durch die, von denen sie produziert, sondern auch durch die, von denen sie konsumiert wird".

Auch dies setzt freilich voraus, dass Menschen bereit sind, für "ihre" Medien zu bezahlen. Und dann käme, weil nicht nur der Milliardär, sondern auch die Masse borniert sein kann, die nächste Frage: Sind die vielen Anteilseigner wirklich bereit, sich auf das Abenteuer der Aufklärung einzulassen - oder wollen sie nur lesen und sehen, was ihre Vorurteile bestätigt?

Tanjev Schultz ist Professor für Journalismus an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Bis 2016 war er Innenpolitik-Redakteur bei der SZ.

© SZ vom 04.07.2016
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