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Journalismus:Das Mädchen "Jessica"

Ein Journalist recherchiert undercover im Pädophilen-Milieu und gibt seine Informationen an die Polizei weiter. Geht Opferschutz über Quellenschutz?

Laut dem Kinderhilfswerk Unicef sind im Internet 750 000 Pädophile auf der Suche nach Kindern unterwegs. Einer von ihnen soll ein Stadtrat der französischen Gemeinde Mesnil-Saint-Denis bei Versailles sein. Der Lokalpolitiker traf im weltweiten Netz auf die zwölf Jahre alte Jessica. Er umgarnte das Mädchen und vereinbarte mit ihr ein Rendez-Vous. Als er zum Treffpunkt kam, erlebte er eine Enttäuschung.

Jessica war in Wahrheit ein französischer Journalist. Der Reporter gab die Adresse und den Namen des Stadtrates an die Polizei weiter. Nun wird der mutmaßliche Pädophile vor Gericht gestellt. Wie dem Stadtrat erging es 21 weiteren Männern. Sie alle gingen dem Journalisten Laurent Richard in die Falle. Frankreichs Medien diskutieren nun, ob dies in Ordnung ist - oder ob es Presserecht und Berufsethos verbieten, dass Journalisten wie Undercover-Agenten und Polizisten agieren.

Richard und sein Team der Medienagentur Capa recherchierten ein Jahr lang unter Pädophilen. Sie präsentierten sich als "Jessica" in Internet-Foren für Jugendliche - und wurden prompt von hundert Erwachsenen kontaktiert. Einer schaltete seine Webcam ein, um sich davor zu befriedigen. Andere überredeten Jessica zu einem Treffen. Als Richard sich ihnen als Journalist offenbarte, erzählten sie erstaunlich bereitwillig von begangenen oder geplanten Missbrauchs-Taten. Später gab sich Richard selbst im Netz als Pädophiler aus und geriet an einen vorbestraften Sexualverbrecher in Kanada. Der Mann zeigte ihm Fotos, bei deren Anblick Richard Mühe hatte, sich nicht zu erbrechen. Auch der Kanadier plante neue Verbrechen. Wieder informierte Richard die Polizei.

Vergangene Woche wurde das Ergebnis der Recherche im französischen Staatsfernsehen im Rahmen der Enthüllungs-Reihe Die Eindringlinge ausgestrahlt. Die Sendung offenbarte, wie miserabel die Polizei und die Verantwortlichen von Jugend-Foren die Kinder im Internet schützen. Zugleich stellten die Autoren heraus, dass sie alle Pädophilen, die sie trafen, der Justiz meldeten. Seitdem können sich Richard und der Capa-Direktor Hervé Chabalier vor Kritik ihrer Kollegen aus den Medien kaum retten. Doch sie bekommen auch Zuspruch, vor allem von Lesern und Bloggern im Internet.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Laurent Richard zur Polizei ging.