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Journalismus:Darf man schreiben, dass Donald Trump "lügt"?

The cover of the Wall Street Journal newspaper is seen with other papers at a news stand in New York

Donald Trump auf dem Wall Street Journal

(Foto: REUTERS)

Zeitungen in den USA diskutieren die richtige Wortwahl in der Berichterstattung über den künftigen US-Präsidenten.

Wenn jemand nicht die Wahrheit sagt, heißt das noch lange nicht, dass er lügt. So jedenfalls sieht es Gerard Baker, der Chefredakteur des Wall Street Journal. "Das Verb 'lügen' impliziert viel mehr, als nur etwas Falsches zu sagen. Es impliziert die bewusste Absicht, in die Irre zu führen", sagte er am vergangenen Sonntag in der US-amerikanischen Variante des Presseclubs; die Fernsehsendung Meet the Press wird jeden Sonntag auf dem Sender NBC ausgestrahlt.

Wenn es um den künftigen US-Präsidenten Donald Trump gehe, fände er es sinnvoller, so Baker, fragwürdigen Aussagen hinterherzurecherchieren, die Ergebnisse zu präsentieren - die Schlussfolgerung aber dem Leser zu überlassen. "Wenn du jemandem eine moralische Absicht unterstellst, besteht sonst die Gefahr, dass du so aussiehst, als wärest du nicht objektiv", erklärte er seine Haltung.

Weder Republikaner noch Demokraten sei zuzutrauen, diesen Unwahrheiten etwas entgegenzusetzen

Das Wall Street Journal ist nicht die einzige Zeitung, die dieser Tage um Worte ringt, wenn es um den Umgang mit dem künftigen US-Präsidenten Donald Trump geht. Während die New York Times weiterhin über "Lügen" schreibt, appellierte die Washington Post sogar an andere Medien, dasselbe zu tun: "Noch nie hatten wir einen Präsidenten, für den Lügen ein essentieller Bestandteil seiner Regierungsstrategie war", schrieb kürzlich die konservative Kolumnistin Jennifer Rubin. Weder Republikaner noch Demokraten sei zuzutrauen, diesen Unwahrheiten etwas entgegenzusetzen. Den einen nicht, weil ihnen der Mut fehle; den anderen nicht, weil deren Aussagen eh als parteiisch abgetan würden.

Vielen Zeitungen und Fernsehsendern geht es allerdings kaum anders, wieder und wieder wirft Trump ihnen vor, voreingenommen oder unehrlich zu sein. Auch dem Wall Street Journal. Während des Wahlkampfs attackierte Trump die Zeitung scharf: "Ich finde, die Zeitung ist ein Haufen Mist", sagte er bei einer Veranstaltung in South Carolina. "Aber macht euch keine Sorgen: Die machen eh bald pleite, genau wie all die anderen."

Washington-Post-Kolumnistin Jennifer Rubin wundert sich über derlei Trumpismen nicht. "Die Medien sind das Einzige, was ihn noch daran hindert, sich mit der Wahrheit aus dem Staub zu machen", schreibt sie.

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