bedeckt München 14°

Journalismus in Belarus:"Sie wollen uns Angst machen"

der belarussische Journalist Alexander Vasukovich (c) Nadia Buzhan

"Ich dachte, ich müsste eine Ordnungsstrafe bezahlen": Der Fotojournalist Alexander Vasukovich.

(Foto: Nadia Buzhan/Nadia Buzhan)

Der Fotojournalist Alexander Vasukovich ist während seiner Arbeit bei den Massenprotesten in Belarus festgenommen worden und musste elf Tage in Haft. Trotzdem macht er weiter.

Von Frank Nienhuysen

Bei den Massenprotesten in Belarus sind bereits mehr als 10 000 Menschen festgenommen worden, immer wieder auch Journalisten, die ihre Arbeit machen. Wie der Fotojournalist Alexander Vasukovich. Der 35-Jährige hatte im vergangenen Jahr für eine SZ-Reportage in Belarus fotografiert. Vor zwei Wochen musste er zusammen mit einem Kollegen für elf Tage in Haft, nachdem sie auf einer Demonstration in Minsk Fotos gemacht hatten.

SZ: Wie kam es zu der Festnahme?

Alexander Vasukovich: Wir sind direkt aus einem Café geholt worden. Nach den Protesten waren wir dorthin gegangen, um von dort aus Fotos an die Zeitungen zu schicken. Wir saßen an unseren Computern, dann ging ich raus, um eine Zigarette zu rauchen. Als ich zurück war, kamen nur 20 Sekunden später mehrere Polizisten und nahmen uns fest.

Hatten Sie eine Akkreditierung auf der Demonstration dabei?

Wir hatten beide sowohl eine Akkreditierung von Lokalzeitungen als auch von Online-Medien. Wir haben sie den Polizisten gezeigt, aber sie sagten, die seien ihnen egal.

War Ihnen zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass das Gefängnis bedeutet?

Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte, ich müsste eine Ordnungsstrafe bezahlen, so um die 400 Euro vielleicht. Allenfalls drei Tage Arrest, aber nicht elf Tage Haft.

Auf den Demonstrationen sind Zehntausende Menschen, die ein Handy haben und Fotos machen. Viele stellen auch Videos ins Netz. Warum geht der Staat gegen Fotojournalisten vor?

Die Behörden mögen keine unabhängigen Journalisten. Sie behandeln sie wie Feinde. Sie wollen uns Angst machen, uns einschüchtern, unsere Arbeit zu tun.

Wie sind Sie im Gefängnis behandelt worden? Es gab ja immer wieder Berichte über Misshandlungen.

Wie alle anderen Demonstranten auch. Mir ist dort nichts passiert, aber auf der Polizeistation wurde mein Kollege mehrere Male von einem Polizisten in Zivilkleidung geschlagen. Und sie nahmen all unsere Speicherkarten mit und gaben sie auch nicht wieder zurück. Sie haben uns auch nicht erklärt, warum wir eigentlich festgenommen wurden.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was war auf den Speicherkarten drauf?

Die Fotos der gesamten Protesttage, die besten Fotos hatte ich allerdings bereits im Café auf den Computer geladen.

Welche Motive interessieren Sie auf den Demonstrationen am meisten?

Ich habe fast jeden Tag als freier Fotograf für mehrere lokale und internationale Medien fotografiert. Die meiste Zeit halte ich einfach mit der Kamera fest, was passiert. Ich suche nicht nach speziellen Situationen und Momenten.

Was hat man Ihnen beim Prozess gesagt oder bevor Sie aus dem Gefängnis rauskamen?

Ein Polizist fragte mich nach der Verurteilung, ob ich weiterhin zu den Demonstrationen gehen und von dort berichten werde. Ich sagte, das werde ich. Er antwortete: "Dann kommst du vielleicht zurück ins Gefängnis."

Welche Folgen hat die Festnahme für Sie? Haben Sie jetzt mehr Angst?

Natürlich ist das nicht sehr angenehm, unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Jedes Mal, wenn man rausgeht, geht man das Risiko ein, festgenommen zu werden. Aber ich weiß, dass ich nicht alleingelassen werde.

Viele belarussische Medien haben aus Solidarität nach der Festnahme keine Fotos gezeigt, sondern freie Flächen, auf denen stand, dass hier eigentlich ein Foto stehen würde. Was bedeutet das für Sie?

So viele Menschen haben sich solidarisch gezeigt. Mich wird das selbstsicherer machen.

© SZ/ebri/tyc/khil

SZ PlusExklusivVerkauf der Skandalkonzerns
:Wer will Wirecard?

Im Wochenrhythmus kommen neue Machenschaften von Wirecard ans Tageslicht. Das macht den Verkauf des Unternehmens nicht leichter. Welche Interessenten noch verblieben sind.

Von Klaus Ott und Jörg Schmitt

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite