Journalismus:Regionalzeitungen unter Druck

Landtag in Rheinland-Pfalz im Deutschhaus in Mainz *** Parliament in Rhineland-Palatinate in the Deutschhaus in Mainz C

Landtag Rheinland-Pfalz im Deutschhaus in Mainz: Dort haben die drei Journalisten schon viele Jahre gearbeitet - aber nun könnte man ihnen dort als Sprecher von Ministerien über den Weg laufen.

(Foto: U. J. Alexander/imago images)

Gleich drei Landeskorrespondenten werden in Rheinland-Pfalz Sprecher von Ministerien. Eine zufällige Häufung - oder Zeichen für ein strukturelles Problem der Regionalpresse?

Von Gianna Niewel

Wenn der Trierische Volksfreund über die Regierung in Rheinland-Pfalz berichtete, war der Autor klar. Florian Schlecht. Schlecht ist 38 Jahre alt, er hat bei der Zeitung volontiert und sich einen Namen gemacht für gute Analysen. Wenn die Rhein-Zeitung die Aussprache des Mainzer Landtags kommentierte, war der Autor klar. Carsten Zillmann. Zillmann hat mit 16 Jahren als freier Mitarbeiter bei der Zeitung angefangen, vor drei Jahren ist er nach Mainz gegangen. Wenn die Allgemeine Zeitung über den Flughafen Hahn... der Autor hieß Ulrich Gerecke.

Alle drei Männer haben etwas gemeinsam, sie waren bis vor Kurzem Landeskorrespondenten ihrer Zeitungen oder sind es noch ein paar Wochen - und sie alle wechseln als Sprecher in Ministerien. Florian Schlecht zu Arbeitsminister Alexander Schweitzer (SPD), Ulrich Gerecke zu Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD). Carsten Zillmann ist seit Anfang September Sprecher von Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP).

Sind das Einzelfälle, die sich nach der Landtagswahl im März nun eben häufen - oder ist es vielleicht ein strukturelles Problem, wenn sich gleich mehrere Korrespondenten dafür entscheiden, Politik nicht mehr zu kommentieren, sondern zu kommunizieren?

Von vier Regionalzeitungen verlieren drei ihre Korrespondenten - nicht die erste Wechselserie

Aus Sicht des Journalismus sind die Wechsel fatal. Kolleginnen und Kollegen in Mainz sprechen von "einer Katastrophe", von "einem Exodus". Das liegt daran, dass es in Rheinland-Pfalz vier größere Regionalzeitungen gibt, die sich das Land, grob gesagt, nach den vier Himmelsrichtungen aufgeteilt haben: die Rhein-Zeitung ist stark im Norden, die Rheinpfalz im Süden, die Allgemeine Zeitung im Osten und der Trierische Volksfreund im Westen. Von diesen vier Regionalzeitungen verlieren drei ihre Korrespondenten. Das ist das eine. Das andere: Es ist nicht die erste Wechselserie. Der Vorgänger von Gerecke bei der Allgemeinen Zeitung leitet heute die Kommunikation der rheinland-pfälzischen CDU. Der Vorgänger von Zillmann bei der Rhein-Zeitung ist heute stellvertretender Regierungssprecher. Die Sprecherin der Landesregierung war Redakteurin beim SWR.

Also doch eine Struktur?

Fragt man Kollegen, die nun zu den Ministerien gehen, haben alle persönliche Gründe. Aber wenn man darüber hinaus mit Kolleginnen und Kollegen vor allem bei Regionszeitungen spricht, hört man Geschichten, die sich ähneln: von Konferenzen, in denen lange darüber gesprochen wird, welche Themen Digitalabos bringen könnten - und Ausschusssitzungen sind das eher nicht. Von Haupthäusern, in denen die Kolleginnen und Kollegen in Schichten arbeiten, während die Korrespondenten immer erreichbar sein sollten. Von schlechter Stimmung, Sparprogrammen, hohem Druck.

Das klingt dann so: "Bevor ich einen Artikel schreibe, rufe ich gerne mal zehn Leute an, damit das auch fundiert ist. Wenn ich aber zwei Texte plus x am Tag abarbeite, wie soll das noch gehen?" Oder so: "Termine an Abenden und Wochenenden, die ganzen Parteiveranstaltungen, das habe ich schon gar nicht mehr zu den Überstunden dazugerechnet. Ich war wie ausgebrannt." Oder so: "Zuletzt war ich nicht mehr zufrieden mit meinen Texten."

Es sind Geschichten einer Entfremdung. Es geht darin viel um fehlende Wertschätzung und fehlende Sicherheit und darum, dass das wichtiger sei als Gehalt. Und wenn es um Gehalt geht, dann nicht um den Nettobetrag auf der Abrechnung - sondern darum, dass die Zahl der Menge an Arbeit nicht mehr entspreche. Wer in einem Ministerium anfängt, kann zwar auch nicht mit einem geregelten Feierabend rechnen, dafür liegt aber schon das Einstiegsgehalt oft deutlich über dem, was man als Journalist mit Berufserfahrung verdient.

Andrea Wohlfahrt ist die Landesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbands in Rheinland Pfalz. Sie hat schon oft gesehen, wie Kolleginnen und Kollegen vom Journalismus in die Politik wechseln, nicht nur in Mainz. In Berlin spricht Steffen Seibert nicht mehr fürs ZDF, sondern für die Bundesregierung. In München arbeitet der ehemalige Landeskorrespondent der SZ jetzt für Markus Söder. Aber so eine Häufung, in einem Bundesland?

Noch wechseln nicht gleich ganze Redaktionen wie in den USA

Für sie ist deshalb noch etwas anderes bedenklich: Wie sich das Verhältnis von Journalismus zu Politik verändert.

Nein, sagt sie, Verhältnisse wie in den USA befürchte sie nicht, wo nicht nur einzelne Korrespondenten wechseln, sondern gleich ganze Zeitungsredaktionen schließen. "Noch nicht." Aber auch in Rheinland-Pfalz ziehen sich die Zeitungen aus der Fläche zurück. Der Trierische Volksfreund - um nur ein Beispiel zu nennen - gehört zur Verlagsgruppe der Saarbrücker Zeitung. Wer beide Zeitungen nebeneinanderlegt, wird feststellen, dass sie sich stark angenähert haben. Internationales, Nationales, Wirtschaft und Welt sind identisch. Im Lokalen wurden Berichtsgebiete in den vergangenen Jahren zusammengelegt, was früher noch der Saarburger Lokalteil war, deckt heute auch Konz und den Hochwald ab. Immer wieder sind Kolleginnen und Kollegen gegangen, die Arbeit aber wurde nicht weniger. Erst im Mai kam die Nachricht, dass der Trierische Volksfreund seine Druckerei in Trier schließen will - mittlerweile wird auch in Saarbrücken gedruckt.

Während auf der einen Seite nicht nur die Menschen, sondern auch die mit ihnen verbundene Expertise weniger werden, wird die Gegenseite immer professioneller. In Mainz kommen nun Kollegen in Ministerin, die die Redaktionen kennen, deren Nöte und Bedürfnisse. Die anderen Fraktionen im Landtag. Die Themen. Ulrich Gerecke hat sich über Jahre in die Bildungspolitik des Landes eingearbeitet, noch im Frühjahr hat er die Testaufsicht an den Schulen kritisierte. Jetzt spricht er bald für die Bildungsministerin. Man könnte auch sagen: Die hat sich einen ihrer versiertesten Kritiker ins Team geholt.

Als der Landespressedienst in Newsroom umbenannt werden sollte, schlug der DJV Alarm

Der DJV hat bereits im Mai 2019 Alarm geschlagen. Damals hatte die Landesregierung angekündigt, den Landespressedienst in einen Mediendienst umbauen zu wollen. "Künftig werden neben Pressevertretern verstärkt auch Bürger direkt informiert und können in den Dialog mit ihrer Regierung treten", hieß es in der Mitteilung. Der geplante Name dafür: Newsroom. So heißt auch der Nachrichtenraum einer Zeitung. Der Name, immerhin, wurde wieder zurückgezogen. Für die Landesregierung war das damals ein Beitrag zur Transparenz, für Andrea Wohlfahrt ist es eine weitere Versuchung für die Redaktionen, eine Verschiebung der Grenzen.

Die meisten Pressemitteilungen, die heute von Parteien und Mediendiensten verschickt werden, haben ohnehin schon eine Überschrift und Zwischentitel, vielleicht sogar ein Foto. Sie sind gut aufbereitet. Wenn in den Redaktionen immer weniger Leute sitzen - steigt dann nicht auch die Wahrscheinlichkeit, diese Mitteilungen einfach zu übernehmen?

Nur: Es fehlt die Einordnung, die eigenständige Bewertung. Es fehlt ein Gegengewicht.

Wohlfahrt appelliert daher an die Verlage und Redaktionen. Sie sollten - trotz wirtschaftlichen Drucks - nicht nur schauen, was gut geklickt wird und das als Maßstab nehmen. "Das klingt so banal, aber es ist nicht die erste Aufgabe einer Zeitung zu unterhalten, sondern zu informieren." Damit wäre dann vielleicht auch den Kolleginnen und Kollegen geholfen, die das Gefühl haben, für ihre Arbeit und ihr Befinden interessiere man sich nur noch bedingt.

Wie hatte einer der Männer gesagt, die nun für ein Ministerium arbeiten werden? "Es ist ein Problem, wenn ich in der Redaktion sage, dass ich wechsle, und meine Kolleginnen und Kollegen klopfen mir auf die Schulter und sagen, Mensch, Glückwunsch, wenn ich ein Angebot hätte, wäre ich auch weg."

© SZ/hy
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