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Fernsehen:Haben die Fernsehlieblinge gefälscht?

Joko und Klaas

Joko Winterscheidt (l) und Klaas Heufer-Umlauf bei der Verleihung der Grimme-Preise vor zwei Jahren. ProSieben weist Fälschungsvorwürfe gegen die Moderatoren zurück.

(Foto: dpa)

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sind für ihre Ideen und die hohen moralischen Standards ihrer Sendungen bekannt - nun werden Fälschungsvorwürfe laut.

Von Hans Hoff

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer- Umlauf sind die Guten. So steht es längst im großen Buch der Fernsehgeschichte. Sie spielen sich gegenseitig irre Streiche, die den jeweils anderen an der Rand der unterhaltsamen Verzweiflung treiben. Aber sie setzen sich auch für wichtige Anliegen ein. Dafür, dass sie im vergangenen Jahr 15 Minuten Sendezeit, die ihnen Pro Sieben zur freien Verfügung gestellt hat, mit Statements von sozial engagierten Menschen füllten, haben sie gerade einen Grimme-Preis zuerkannt bekommen. Sie haben tolle Ideen und stehen für hohe moralische Standards. Fernsehlieblinge, was man schon daran erkennt, dass sie Deutschland unter ihren Vornamen kennt. In ihren Sendungen aber nehmen sie es offenbar mit der Wahrheit nur mittelmäßig genau.

Das ergeben die Recherchen der Macher des NDR-Funk-Formats STRG_F, das sich seit Dienstagnachmittag bei Youtube anschauen lässt. Die Redaktion hat Einspielfilme aus den Sendungen Duell um die Welt und Late Night Berlin (LNB ) untersucht und ist auf einige Ungereimtheiten gestoßen.

So ist in einem Film zu sehen, wie der Schauspieler Edin Hasanović in einem Heißluftballon fliegt und landet. Seine Begleiter waren angeblich zuvor abgesprungen und hatten ihn mutterseelenallein im Ballon hinterlassen. So wurde es zumindest suggeriert. Nach den Recherchen von STRG_F ist das Quatsch. Als Beleg dienen Zeugenaussagen, aber auch Bildausschnitte, auf denen eine herrenlose Hand neben dem vereinsamten Schauspieler zu sehen ist und Aussagen von Urs Holderegger, der fürs Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt spricht und sagt: "Es war ein Fake."

Man habe mit dem Piloten gesprochen, und der habe bestätigt, dass er während des Flugs dabei gewesen sei. Und dann sagt Holderegger außerdem: "Es gibt tatsächlich Leute, die noch glauben, wenn sie was im Fernsehen sehen, dass das tatsächlich so stimmt." Er klingt dabei leicht spöttisch, was natürlich zu der Frage führt, warum man Typen wie Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ihre Show trotzdem irgendwie abnimmt.

Die Reaktion der konfrontierten Moderatoren: eher halbgar

Zu tun hat das natürlich mit ihrer leichten Art, bekannte Probleme aufzugreifen und ungewöhnliche Lösungen zu finden. Einmal hat Heufer-Umlauf für LNB Berliner Koks-Dealer imitiert, die sich als Obst-Taxi tarnen, bei dem aber niemand annimmt, es werde wirklich Obst verkauft. Er hat Menschen in der Hoffnung auf Rauschgift in sein Obst-Taxi eingeladen und ihnen dann Früchte vor die Nase gehalten, was die Kunden anders verschnupft zurück ließ als sie es erwartet hatten.

Ein andermal hat er Schlüsseldienste gefoppt, die sich erwartungsgemäß mehrheitlich als Abzocker entpuppten, und versucht, sie in die Enge zu treiben und ihnen ins Gewissen zu reden. Und dann war da noch die Sache mit dem teuren Fahrrad, dass Heufer-Umlauf abstellte und sich dann mit seinem Team auf die Lauer legte, um den potenziellen Zweiraddieb auf frischer Tat zu ertappen, was ihm auch gelungen ist. Dachte man bisher.

Laut STRG_F handelt es sich bei dem verpixelt gezeigten Dieb aber um einen Laiendarsteller, die Szene sei zweimal gedreht worden. Dies belegten Zeugenaussagen und privates Videomaterial.

Die Redaktion zeigt in ihrem halbstündigen Film noch mehr Ungereimtheiten und noch mehr Belege, und hat die Produktionsfirma von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer Umlauf mit ihren Erkenntnissen konfrontiert. Die Reaktion: eher halbgar. Ganz offenbar hat man die Vorwürfe nicht ernst genommen und versucht, die Rechercheure mit ein bisschen Humor abzufinden. Die laxe Reaktion und die Tatsache, dass die Rechercheergebnisse ausgerechnet am Dienstag bekannt wurden, als in Essen bekannt gegeben wurde, dass Winterscheidt und Heufer-Umlauf einen Grimme-Preis erhalten, sorgten zusammengenommen für großes Aufsehen.

Das Duo lässt den Sender sprechen, der gibt sich ein wenig schuldbewusst

"Joko und Klaas verlieren Grimme-Preis wegen Fake-Vorwürfen", titelten die Welt und die Bild-Zeitung in ihren Online-Ausgaben, die Fake-Meldung über die Fake-Szenen verbreitete sich rasant in den sozialen Netzwerken. Zwar hatten die 15-Minuten-Sendungen ebenso wie die Late Night Berlin auf der Nominierungsliste des Fernsehpreises gestanden. Für die 15-Minuten-Sendung bekamen Heufer-Umlauf und Winterscheidt den Preis zugesprochen, für LNB gab es jedoch überhaupt keinen Grimme-Preis, und das hatte mit den Fälschungsvorwürfen nichts zu tun. Die Entscheidung, LNB keinen Preis zu verleihen, wurde bereits Anfang Februar gefällt.

Dennoch war in der für die Kategorie "Unterhaltung" zuständigen Jury tatsächlich länger darüber diskutiert worden, ob nicht auch die Einspielfilme für LNB einen besonderen Preis verdient hätten. Die Art und Weise, wie Heufer-Umlauf diese Clips zu einer Art Mischung aus investigativem Ansatz und jugendhafter Witzelei kompiliert, beeindruckte einige Juroren, misstrauisch war dort niemand. Den Preis bekamen Heufer-Umlauf und Winterscheidt letztlich aber nicht zuerkannt - schlicht, weil die Konkurrenz besser war. Womöglich hätten TV-Helden wie Heufer-Umlauf und Winterscheidt die Fälschungsvorwürfe auch am Dienstag noch in ihrer Wucht entkräften können.

Womöglich hätte ein schnelles Filmchen auf dem Flur gereicht, eine kurze Entschuldigung in die Smartphone-Kamera. Stattdessen ließ das Duo den Sender sprechen. Der räumte ein, dass man für die betreffenden Sendungen tatsächlich ab und an öffentlich Teilnehmerinnen und Teilnehmer suche, um sicherzustellen, dass ausreichend Protagonisten zur Verfügung stünden. In der Sache mit dem Heißluftballon wird darauf verwiesen, dass man in allen Filmen mit den höchsten Sicherheitsstandards arbeite. Zudem, so belehrt Pro Sieben auf Anfrage, handle es sich beim Thema Fahrraddiebstahl um die "humoristische Sensibilisierung für das Thema". Alles richtig gemacht also. Aber ein wenig schuldbewusst gibt man sich dann doch: "Selbstkritisch möchten wir anfügen, dass in diesem Fall der satirische Ansatz des Filmes womöglich deutlicher gemacht hätte werden müssen."

Fakt ist nach der Fake-Geschichte: Die Glaubwürdigkeit zweier sehr wichtiger Protagonisten des deutschen Privatfernsehens ist beschädigt.

© SZ vom 04.03.2020/tmh
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