Gewalt gegen Journalisten:"Die Aggressivität auf diesen Demos nimmt zu"

Berlin: Die geplante Querdenker-Demo für Frieden und Freiheit gegen die Coronamaßnahmen der Bundesregierung wurde verbo

Trotz Verbots protestierten am Sonntag etwa 5000 Menschen gegen die deutsche Corona-Politik - unter teils aggressiver Stimmung, wie Beobachter berichten.

(Foto: imago images/U. J. Alexander)

Bei Protesten in Berlin wird der Verdi-Gewerkschafter Jörg Reichel verletzt. Er soll schon länger im Visier der "Querdenken"-Szene sein.

Von Thomas Balbierer

Scrollt man einen Tag nach der Gewaltattacke durch Jörg Reichels Twitter-Profil, lesen sich seine letzten Beiträge wie eine dunkle Vorankündigung. Der Journalistengewerkschafter begleitet am Sonntag, wie so oft, eine "Querdenken"-Demo in Berlin. 5000 Teilnehmer sind zu dem verbotenen Protest gegen die Corona-Politik gekommen, Reichel dokumentiert eine feindselige Stimmung gegen die Presse. Um kurz nach 14 Uhr schreibt er zum Beispiel: "Wurf einer vollen Getränkedose auf einen Journalisten (Schulter). Journalist leicht verletzt." Kurz darauf heißt es: "Kamerateam wird von Demonstranten mit Lügenpresse berufen und verjagt." Schließlich: "Teilnehmer spuckt Journalist*in ins Gesicht." Hinter jeden Tweet setzt er den Hashtag "#Pressefreiheit".

Am späten Nachmittag wird der Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) Berlin-Brandenburg dann selbst zum Ziel von Gewalt. Als er mit einem Berliner Fotografen einen Zug der zuvor aufgelösten Demonstration im Stadtteil Kreuzberg beobachtet und mit seinem Handy Teilnehmer fotografiert, greifen ihn zwei Demonstranten an. Sie stoßen Reichel vom Fahrrad und schlagen mit Händen und Füßen auf ihn ein, bis schließlich Passanten die Situation entschärfen. Das berichten die dju-Bundesgeschäftsführerin Monique Hofmann sowie der anwesende Fotograf, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will, am Montag der SZ.

Laut dju musste Reichel mit Verletzungen an Schultern und Beinen im Krankenhaus versorgt werden, sein Handy wurde beim Angriff zerstört. Reichel habe das Krankenhaus inzwischen verlassen, erzählt Hofmann, ihm gehe es "den Umständen entsprechend gut". Er sei jedoch "traumatisiert", weshalb er sich am Montag nicht selbst zu der Attacke äußern will. Die Berliner Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und versuchten Diebstahls. Die Täter wollten Reichels Handy mitnehmen.

Dass Reichel selbst zum Ziel von Gewalt wurde, überrascht die dju-Geschäftsführerin nicht

Der Gewerkschafter sei schon länger im Visier der "Querdenken"-Szene, teilt die dju, eine Untergruppe von Verdi, mit. In Chatgruppen der Corona-Politik-Gegner sollen Reichels Name sowie Bilder von ihm kursieren. Der Gewerkschaftssekretär ist selbst kein Journalist, arbeitet auf Demos aber eng mit Berichterstattern zusammen. Er koordiniert den Austausch mit der Polizei, dokumentiert Behinderungen der Pressearbeit öffentlich und setzt sich für besseren Schutz von Reportern vor Ort ein. Dass er nun selbst zum Ziel von Gewalt wurde, "überrascht uns nicht", sagt Hofmann, "so zynisch das klingen mag". Doch Reichel habe sich von Anfeindungen aus der Szene "nicht einschüchtern" lassen wollen und sei weiterhin mit Journalisten zu Protesten gegangen. Leider sei "zu wenig Polizei" vor Ort gewesen, sagt Hofmann.

"Jörg Reichel nimmt eine Schutzfunktion für die Pressefreiheit wahr", sagt der Fotograf, der den Angriff am Sonntag miterlebt hat und den Gewerkschafter schon länger kennt. Er glaubt nicht, dass der Überfall geplant gewesen sei. Wahrscheinlicher sei, dass die Täter Reichel fälschlicherweise für einen Journalisten hielten. Das mache aber kaum einen Unterschied. "Die Aggressivität auf diesen Demos nimmt zu", sagt der Fotograf. "Für uns Journalisten wird es immer gefährlicher." Er selbst will in den kommenden Tagen jedenfalls Demonstrationen meiden und über besseren Schutz für sich und seine Kollegen nachdenken.

© SZ/cag
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