Jörg Kachelmann und die Medien:Wer reichte die Akten weiter?

Lesezeit: 5 min

Was richtet Journalismus an, was richtet er aus? Und was wissen Medien über die eigene Arbeit? "Noch nie wurden in einem Promi-Prozess so viele Einzelheiten aus den Akten weitergespielt wie im Fall Kachelmann", schrieb vorige Woche eine große Zeitung. Noch nie? Viel mehr Rummel gab es beispielsweise Anfang der achtziger Jahre, als Medien über Marianne Bachmeier berichteten, die im Gerichtssaal den Menschen tötete, der ihr Kind getötet hatte. Ein Magazin veröffentlichte damals die Serie "Annas Mutter", die zu Beginn des Prozesses abgebrochen wurde, "um Marianne Bachmeiers Aussagen nicht vorzugreifen", wie das Blatt schrieb. Dann erschien mitten in den Prozess hinein das Buch "Annas Mutter".

Ein vergleichbarer Fall blieb damals übrigens ein lokales Ereignis. Ein älterer Herr hatte den Schwiegersohn am Grab der Tochter erschossen, die angeblich vom Ehemann in den Tod getrieben worden war. Älterer Herr, gutaussehende Mutter - da ist klar, wer das bessere Geschäft verspricht.

In diesen Tagen spekulieren Medien darüber, wie die Akten im Fall Kachelmann in die Medien gelangt sind. Die Radiomoderatorin, die von solchen Dingen nichts versteht, hat in einem Gespräch mit einer Gutachterin gemutmaßt, die Akten müssten von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft weitergereicht worden sein: Wer soll es sonst sein, hat sie gefragt? Sie fühle sich hintergangen.

Dass die Staatsanwaltschaft mittels Akten Druck gemacht hätte, meinen in diesen Tagen auch einige Kommentatoren. Es gibt viele Wege, wie Akten nach draußen gelangen können, ganz selten hat die Staatsanwaltschaft damit was zu tun. Es gibt schlechte, aber auch gute Gründe, in einem Verfahren solche Details zu veröffentlichen. Daran hat in der Regel am allerwenigsten die Staatsanwaltschaft ein Interesse.

Seit geraumer Zeit gibt es in der Rechtswirklichkeit erhebliche Veränderungen, die für einen ordentlichen Strafprozess, der einzig über die Schuld- und die Straffrage entscheidet, hinderlich sein können. Dazu gehören der Deal, in dem sich die Beteiligten vor Prozessbeginn informell verständigen. Die echten Entscheidungsprozesse werden der Öffentlichkeit meist vorenthalten. Dazu zählen aber auch, wie im Fall Kachelmann, die Vorberichte über die im September beginnende Hauptverhandlung, die Vorverurteilungen und Vorfreisprüche sein können. In der angloamerikanischen Rechtskultur würden sie als contempt of court (Missachtung des Gerichts) mit Sanktionen belegt. Aber auch solche Berichte können aufklärerisch sein. Ein altes Thema: Über das Thema "Strafprozessführung über Medien" hat in den achtziger Jahren der Journalist Joachim Wagner ein lesenswertes Buch geschrieben. Im Mai dieses Jahres beschäftigte sich der Deutsche Anwaltstag in Aachen mit der "Kommunikation im Kampf ums Recht". Es gibt mittlerweile Berater, die Journalisten mit Informationen versorgen, um für Mandanten das beste Ergebnis herauszuholen, und dabei werden auch gezielt entlastende oder scheinbar entlastende Informationen gestreut. Auch spielt manche Staatsanwaltschaft offensiver als früher und lädt Journalisten zu Hintergrundgesprächen ein.

Am aggressivsten agierte im Fall Kachelmann die Zeit-Journalistin Sabine Rückert, die ein Dossier über den Fall veröffentlichte. Rückert ist allerdings eine der sachkundigsten Reporterinnen. Nach der Veröffentlichung wurde eine E-Mail bekannt, die Rückert im Mai dem Kachelmann-Verteidiger geschickt hatte: "Wir können nur zusammenkommen, wenn Ihre Verteidigung in einem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art auch gewachsen ist", schrieb die Journalistin, die dem Anwalt vorwarf, "auf leisen Sohlen" zu verteidigen.

Ein ungewöhnlicher Vorgang. Rückert sagt, Kachelmanns Verteidiger habe ihr Akten offeriert, was sie angesichts der Umstände abgelehnt habe. Der Anwalt bestreitet ein solches Angebot. Er erklärt jetzt generell, die Verletzung der Persönlichkeitsrechte seines Mandanten in den Medien seien so gravierend, dass seine Seite ein Schmerzensgeld in Höhe von 2,25 Millionen Euro verlange. Die Veröffentlichung von Bildern vom Hofgang Kachelmanns beispielsweise seien eine Persönlichkeitsverletzung. Aber auch dieser Anwalt versteht sich auf den Umgang mit Medienvertretern. Die Reporterin Rückert brachte ihre Geschichte vor der Hauptverhandlung, weil sie den Fall Kachelmann für einen Justizirrtum hält. Sie hat vor Jahren einen solchen Irrtum aufgeklärt und ist Autorin eines Buches zu dem Thema. Sie kann offenbar auswählen, mit wem sie "sinnvollen Informationsaustausch" betreibt und mit wem nicht. Ihr Urteil hat auch in der Justiz Gewicht. Und dennoch wird am Ende nur eine Strafkammer darüber entscheiden, ob Kachelmann schuldig ist oder nicht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB