Ende der Jerry Springer Show "Sex mit einem Stripper hat mich heterosexuell werden lassen"

Blickt gern in Abgründe: Jerry Springer sprach mit Menschen, die ihr Pferd heiraten oder einander einfach nur an die Gurgel wollten.

(Foto: imago/ZUMA Press)

In der Talkshow von Jerry Springer ging es meistens um Sex oder Gewalt, sehr häufig um beides gleichzeitig. Nach fast drei Jahrzehnten wird die Krawallsendung eingestellt - erstaunlich leise.

Von Jürgen Schmieder

Ganz leise. So hat die lautstarke Jerry Springer Show vor 27 Jahren begonnen. Der amerikanische Moderator war zuvor Bürgermeister von Cincinnati und Berater von Robert Kennedy gewesen und zu jener Zeit politischer Journalist beim TV-Sender NBC, seine Kommentare beendete er jeweils mit diesem inzwischen legendären Satz: "Take care of yourself and each other." Passen Sie gut auf sich auf, und auch aufeinander. Springer sollte gesellschaftlich relevante Debatten leiten, die ersten Gäste waren der Bürgerrechtler Jesse Jackson, der Schockrocker GG Allin oder Oliver North, mittlerweile Präsident der Waffenlobby NRA. Es ging um Obdachlosigkeit, das Recht auf Waffenbesitz oder die Auswirkungen von Heavy Metal auf die amerikanische Jugend.

Es waren zivilisierte Diskussionen damals, allerdings so spannend wie dieses Spielzeug, bei dem der Tischtennisball mit einer Schnur am Schläger befestigt ist. Kaum jemand wollte das Format sehen, es gab davon einfach schon zu viele und vor allem bessere Sendungen. Was es damals jedoch nicht gab: eine Krawallshow, die in den Abgrund der amerikanischen Gesellschaft blickte und Zuschauern zeigte, was für ein irres Land diese Vereinigten Staaten doch sind. Also füllte Jerry Springer diese Lücke. Es wurde weiterhin debattiert in seiner Show, jedoch nicht mehr über Obdachlosigkeit oder Waffenrecht, sondern zum Beispiel über eine junge Frau, die nach eigenen Angaben innerhalb von zehn Stunden mit 251 Männern geschlafen hatte.

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Nun, nach mehr als 4000 Folgen, sollen keine neuen Episoden mehr aufgezeichnet werden. Der Sender CW wird von Herbst an nur noch Wiederholungen jener Sendung zeigen, in der geprahlt, gepöbelt und geprügelt wurde. Meist geht es in der Jerry Springer Show um Sex oder Gewalt, sehr häufig um beides gleichzeitig. Die Dramaturgie ist darauf ausgelegt, dass die Gäste irgendwann aufeinander losgehen, angefeuert vom johlenden Publikum, das sich darüber amüsiert, dass es tatsächlich jemanden gibt, der gerne sowohl mit der Mutter als auch der Oma seiner Ehefrau schlafen will. Oder eine Frau, die dem Teufel eine Ziege opfern möchte. Oder einen Typen, der sein Pferd heiraten will. Ein paar Titel der Sendungen in diesem Monat: "Sex mit einem Stripper hat mich heterosexuell werden lassen", "Hör auf, meine Zwillingsschwester anzugraben", "Ich bin in meinen Neffen verliebt".

Am Ende jeder Sendung hält Springer einen Monolog, dessen Inhalt so auch auf den Zetteln in Glückskeksen stehen könnte. Dann sagt er den Leuten, dass sie auf sich und aufeinander aufpassen sollen.

Man darf darüber lächeln, aber man darf keinesfalls den Einfluss und die gesellschaftliche Relevanz der Sendung unterschätzen. Auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit Ende der Neunzigerjahre sahen sie vormittags knapp sieben Millionen Menschen und damit für kurze Zeit mehr als die der weit wohltätigeren Kollegin Oprah Winfrey. Es gab Debatten darüber, ob es tatsächlich derart viele Verrückte in den USA gibt oder ob das alles nur eine perfekt choreografierte Show nach Drehbuch ist. Springer selbst gab darauf die achselzuckende Antwort: "Ist das wirklich wichtig, ob es echt ist? Für mich sieht es echt aus."

Wie so viele popkulturelle Absonderlichkeiten schwappte auch diese irgendwann nach Deutschland, und es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass es ohne die Jerry Springer Show keine Nachmittagstalkshows mit Leuten wie Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer und Oliver Geissen gegeben hätte. Die Sendung hat letztlich wahrscheinlich sogar all jene Sendungen ermöglicht, bei denen sich Menschen ohne Schamgefühl zum Deppen machen.

In den USA gibt es mittlerweile Kanäle, die nichts anderes zeigen als Hausfrauen aus Beverly Hills, verschiedene Mitglieder des Kardashian-Clans oder keifende Ehefrauen von Profisportlern. In Deutschland gibt es Sendungen mit Daniela Katzenberger, Frauentausch oder eine Spielshow, bei der Boris Becker einen Fliegenklatschenhut trägt.

Apropos soziale Netzwerke: Auch das sogenannte Clickbaiting ("Wenn Sie auf diesen Link klicken, werden Sie eine nackte Brust sehen") geht mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls auf die Jerry Springer Show zurück. Kurz vor der Werbepause wird ein Gast angekündigt, der nach der Unterbrechung für eine nackte Brust, einen blanken Hintern oder wenigstens für eine herzhafte Prügelei sorgen wird. "Es ist eine dumme Sendung, die ich selbst niemals ansehen würde", sagte Springer einmal. Er moderierte sie aber dann doch ziemlich leidenschaftlich - vielleicht auch deshalb, weil er bis zu sechs Millionen Dollar pro Jahr dafür bekam.

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten twitterte Springer: "Die ersten Leute im Kabinett: ein hellhäutiger Rassist, ein Typ mit einer fanatisch-religiösen Vergangenheit und einer, der den Islam als Schwindel-Religion bezeichnet. Ist das Amerika?" Es war schlicht jenes Amerika, das seit 1991 in der Jerry Springer Show gezeigt wurde.

Die Sendung ist mittlerweile so vorhersehbar wie das berühmte Tischtennis-Ball-Schnur-Spielzeug. Und vielleicht auch deshalb überflüssig, weil durchgeknallte Selbstinszenierer in Zeiten sozialer Netzwerke gar keine Fernsehsendung mehr brauchen für ihre fünf Minuten Ruhm. "Wir haben die Produktion erst einmal eingestellt", sagte Springer in einem Interview mit der Sendung Entertainment Tonight, viel mehr sagte er nicht. Die Show endet, wie sie einst begonnen hat: ganz leise.

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