Neues Musikmagazin "Jazzed":Konzerte im Kaninchenbau

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Neues Musikmagazin "Jazzed": Konzerte wie die von Yazz Ahmed im Londoner Jazz Cafe sind Teil des neuen Konzepts von "Jazzed".

Konzerte wie die von Yazz Ahmed im Londoner Jazz Cafe sind Teil des neuen Konzepts von "Jazzed".

(Foto: John Jarrett/Jazzed)

Die Plattform "Jazzed" definiert das Konzept des Musikmagazins neu.

Von Andrian Kreye

Neulich gab die Trompeterin Yazz Ahmed im Londoner Jazz Cafe ein Konzert für das relativ neue Magazin Jazzed, eine Mischung aus Magazin, Videokanal, Streamingdienst und Konzertplattform, die das Konzept des Musikmagazins gerade neu definiert. Für die vier auf der Bühne war die knappe Stunde ein Befreiungsschlag. Ein Jahr lang hatten sie nicht mehr miteinander gespielt und deswegen ziemlich viel geprobt vor dem Gig. Man merkte ihnen das an. Die überschäumende Freude, endlich wieder zusammen auf einer Bühne zu stehen, kanalisierten sie mit maximaler Disziplin in ein luftiges Klangbild aus Trompete, Vibrafon, E-Bass und Schlagzeug. Das war alles in jedem Detail höchst modern, angefangen mit der postnationalen Figur der Bandleaderin, die ihre Kindheit in der bahrainischen Heimat ihres Vaters und die Jugend in der Londoner Heimat ihrer Mutter verbrachte und wie so viele Londoner Jazzer der Gegenwart solche Einflüsse und noch viel mehr aus dieser ultrakosmopolitischen Metropole in ihrer Musik verarbeitet. Das erste Stück spielte mit arabischen Tonleitern und war den Suffragetten gewidmet, die folgenden Stücke Saudi-Arabiens erster Filmemacherin Haifaa al-Mansour und der amerikanischen Bürgerrechtskämpferin Rosa Parks.

Es war aber vor allem sehr modern, weil das Publikum immer noch nicht vor Ort sein durfte, aber über die App des Magazins zusehen und -hören konnte. Womit man beim eigentlichen Thema wäre, weil Jazzed eben Zukunft ist. Da zeigt sich der Standortvorteil Internet recht rasch. Kuratierte Playlists und ganze Alben im Stream, Videos, Dokumentarfilme, Interviews als Text oder Video, Nachrichten, Artikel. Da wird man selbst dann fündig, wenn man als Fan Youtube schon leergeguckt und den Algorithmus des großen Streamingdienstes so überreizt hat, dass der einem immer dieselben Stücke einspielt, weil man ihm mit seiner Neugier so auf die Nerven geht. Genau da setzt Jazzed an, weil es eben nicht auf dem Prinzip der von künstlicher Intelligenz getriebenen Anbiederei beruht, die einen in der Filterblase des eigenen Geschmacks festhalten will. Grundprinzip ist die "Serendipity", wie das auf Englisch heißt, was im Wörterbuch als "die Gabe, zufällig glückliche und unerwartete Entdeckungen zu machen", definiert wird. Früher gab es dafür Plattengeschäfte, Radiosender, Zeitschriften, Freunde. Man kann das aber auch in eine App packen. Funktioniert.

In London begann alles: Das Geld fürs Start-up kamen von englischen Jazz-Fans

Angefangen hat das Projekt im vergangenen Jahr in London. Da kommt auch das Geld her. "VC money", wie es sich für ein Start-up gehört. Allerdings nicht von den üblichen Geldwalzen auf der Suche nach dem nächsten "unicorn". Sogenannte Angel Investors, die weniger auf die Rendite schauen, sondern in diesem Fall Jazzfans sind. Deswegen hat die App zwar auch eine deutsche Benutzerführung, aber überwiegend englische Inhalte.

Chefredakteur ist Götz Bühler, Standort Hamburg. Der hat die Zeitschrift Jazzthing mitgegründet, Radio für den WDR gemacht, Jazzstreams für Byte.fm kuratiert. In den Neunzigerjahren hatte er mal ein Plattenlabel, Soulciety, da erschienen die damals noch nicht so weltberühmten Weissenfeldt-Brüder mit ihren verschiedenen Gruppen, James-Brown-Weggefährte Bobby Byrd und die Jazzfunk-Afrotopisten Oneness of Juju. Da liegen auch die Wurzeln der stilistischen Matrix, die sehr viel gegenwärtiger, aber auch populärer ist als die Jazzmagazine am Kiosk, im Radio und im Fernsehen. Der Rahmen geht eben bis zum Funk und zum Northern Soul, umfasst (wenn man kurz die Playlistentitel scannt) klassischen Modern Jazz von New Yorker Labels wie Blue Note und Prestige, den momentan so prägenden Spiritual Jazz, Blues, Jazz aus Skandinavien, Japan, Brasilien, Sals, viel junge Szene aus London und Deutschland.

Bühler beschreibt das beim Anruf: "Wir machen das für Leute, die Jazz mögen, das aber noch nicht wissen." Stimmt. Einerseits. Die Einstiegschwelle ist nicht so hoch, es gibt keinen Herrschaftswissendünkel, keinen Purismus. Es funktioniert aber auch für langjährig Jazzhörende als Zentralorgan, die Spitzen der Avantgarde fehlen zwar. Aber die musste man auch früher in den Nischen suchen.

Streams werden wohl auch in Zukunft auch für Institutionen ein Geschäftsmodell bleiben

Derzeit ist Bühler viel damit beschäftigt, mit Clubs in Deutschland, London, New York und Tokio zu verhandeln. Die nehmen ihn sehr ernst. Während der Pandemie haben die meisten technisch aufgerüstet. Streams werden wohl auch in Zukunft ein Geschäftsmodell bleiben. Aber selbst Institutionen wie das Village Vanguard oder das Blue Note haben bei so einer Internetübertragung in der Spitze um die 800, an flauen Tagen aber auch mal 32, die im Netz zahlen und zuschauen. Eine Plattform wie Jazzed kann da eher mal ein Weltpublikum liefern als ein Club, auf den in der Regel doch eher die Einheimischen vor Ort stoßen.

Vier Konzerte gab es schon. Yussef Dayes, Bill Laurance und Yazz Ahmed in London, Nils Wülker aus dem Jazzclub des Hotels Bayerischer Hof in München. Allesamt sehr auf der Höhe der Zeit. Dazu kommt die Übertragungsqualität, die bei Jazzed sehr viel besser ist als bei den üblichen Streams, die auf Youtube- oder Vimeo-Basis über die Webseiten der Clubs laufen. Momentan gibt es die Konzerte für die Abonnenten noch dazu. Wenn das richtig läuft, wird man für die bisherigen 5,99 Euro die Basis- und fürs Doppelte die Luxusversion bekommen. Virtuelle Eintrittskarten gab und gibt es immer. Die Künstler verdienen auch direkt daran.

Der Enthusiasmus ist ansteckend. Und, nein, Kritiken gibt es keine. Eher Empfehlungen, wie eine Kolumne der jeweils zehn neuen Alben, die im jeweiligen Monat wichtig sind. Bei den Videos finden sich auch einige, die die Plattenfirmen selbst produziert haben. Was ohne den Anspruch der Kulturkritik kein Problem ist, weil das in der Regel Interviews sind, Dokus oder Berichte aus dem Studio. Für die Tiefenschürfungen in den Nischen und die kritische Auseinandersetzung gibt es ja immer noch die Zeitschriften, wie eben Jazzthing, für die Bühler auch noch schreibt. Oder das legendäre Jazzpodium. Das erscheint seit 1952 und hat mit Adam Olschewski einen neuen Chefredakteur, der das Blatt inhaltlich und optisch in die Gegenwart geholt hat. Haken? Einzig, dass sich mit Jazzed noch so ein Kaninchenbau im Netz auftut, in dem man sich verlieren kann. Und wenn es bei diesem Wetter die Playlist für den Tag am Isar- (Elbe-, Rhein-, Main-, Spree-) Strand ist.

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