Jauch-Talk mit Griechenlands Finanzminister Varoufakis und der Stinkefinger

Polarisiert: der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis

(Foto: Bloomberg)
  • Griechenlands Finanzminister Varoufakis nennt ein Video gefälscht, in dem er den Mittelfinger zeigt.
  • In der Aufnahme spricht er darüber, wie Griechenland Anfang 2010 auf die Krise hätte reagieren sollen: sich für insolvent erklären - und Deutschland den Mittelfinger zeigen.
  • Das Video wurde auf dem offiziellen Youtube-Kanal der Konferenz veröffentlicht, auf der Varoufakis zu Gast war.
Von Bastian Brinkmann

Jetzt hängt die Glaubwürdigkeit von Yanis Varoufakis also ausgerechnet an seinem Mittelfinger. Der griechische Minister für Finanzen und Posen will eigentlich die deutsche Öffentlichkeit für sich gewinnen, als er in der TV-Sendung von Günther Jauch auftritt. "Die Krise hat natürlich in Griechenland begonnen, weil wir Teil der Ursache waren", meaculpert er etwa direkt zu Beginn. Oder solche Sätze: "Unsere Absicht ist es, alles zu unternehmen, um jeden Euro zurückzuzahlen." Deutschland solle Griechenland helfen, wieder zu wachsen, damit die Kredite bedient werden könnten. Dazu brauche es Investitionen, keine gegenseitigen Vorwürfe. "Hören wir auf, mit Moralin aufeinander zu spritzen." Das Studio applaudiert dem Mann, den die Sendungsmacher im Titel als "Euro-Schreck" bezeichnen.

Yanis Varoufakis Zu viel eitles Geschwätz
Kommentar
Griechenland

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Varoufakis spricht länger als in einer Talkshow üblich

Varoufakis kann seine Redebeiträge gut präsentieren, er spricht viel länger als eigentlich in einer Talkshow üblich. Denn er ist nur per Video in die Berliner Runde zugeschaltet, sitzt vor einem Ikea-Regal und wird per Dolmetscher in die deutschen Wohnzimmer geholt. (Warum, liebe ARD, gab es übrigens online nicht die Option, Varoufakis im Original auf Englisch reden zu hören?)

Jauch fällt es schwer, den Mann zu unterbrechen, weil die Übersetzung zeitversetzt ankommt. Varoufakis redet so viel, dass die anderen Gäste wenig zu Wort kommen. Nur drei Mal darf Bild-Kommentator Ernst Elitz reden, danke dafür.

Redefluss unterbrochen von Mittelfinger-Video

Doch dann das Mittelfingergate. Jauch zeigt einen Einspieler von einem Vortrag, den Varoufakis 2013 auf einer Konferenz in Zagreb gehalten hat. Er spricht darin über sein damaliges Buch.

Auf eine Nachfrage aus dem Publikum sagt Varoufakis, wie die griechische Regierung früher auf die Krise hätte reagieren sollen: "Mein Vorschlag war, dass Griechenland sich einfach für insolvent erklären sollte, innerhalb der Euro-Zone, im Januar 2010. Und es sollte Deutschland den Finger zeigen und sagen: Ihr könnt das Problem jetzt alleine lösen." Dazu zeigt er den Mittelfinger. Im Video zu sehen ab 40:20.

Varoufakis behauptet, Video sei gefälscht

So weit, so Steinbrück. Jauch fragt Varoufakis, ob das der richtige Stil sei, um die Euro-Krise partnerschaftlich zu lösen. Dass sich Varoufakis in der Szene auf den Januar 2010 bezieht, geht dabei unter. Da unterbricht der Finanzminister den Moderator: Das Video sei gefälscht. Weil die beiden Männer durcheinanderreden, und der Dolmetscher als dritter Redner noch dazukommt, ist der genaue Wortwechsel schwer zu verstehen, aber sicher ist: Varoufakis wirft Jauch vor, auf einen Fake reingefallen zu sein. Der Mittelfinger sei ins Bild montiert worden, behauptet Varoufakis. Er hätte das nicht gemacht.

Jauch stutzt. Er verspricht, dass seine Leute die Authentizität des Videos prüfen wollen.

Ein wichtiges Indiz spricht gegen Varoufakis. Das von Jauch zitierte Video ist im offiziellen Youtube-Kanal der Konferenzveranstalter veröffentlicht worden. Warum sollten die Organisatoren ihr eigenes Material manipulieren?

Das Vertrauen in den Minister könnte weiter erschüttert werden

Yanis Varoufakis muss die anderen Euro-Finanzminister überzeugen, dass er die griechischen Finanzen im Griff hat. Er verspricht, auch bei Jauch, dass die Regierung in Athen künftig nur noch so viel Geld ausgeben will, wie sie auch einnimmt. Er spricht darüber mit dem gleichen Selbstbewusstsein, mit dem er das Mittelfinger-Video als Fake bezeichnet.

Klar: Ein Mittelfinger ist nur ein Mittelfinger, Milliarden dagegen sind Milliarden. Doch viele fürchten sowieso schon, dass Varoufakis die internationalen Kreditgeber um den Finger wickeln will. Falls sich nun zeigt, dass der Fake-Vorwurf selbst gefälscht ist, würde dies das Vertrauen in den Minister erschüttern. Dann wird es für ihn wohl deutlich schwieriger, das zu beenden, was unbestritten echt ist: das Leid der Menschen in Griechenland.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde kurzzeitig ein Tweet von Alessandro Del Prete zitiert. In ihm sagt er, dass sein Video nicht manipuliert sei. Er äußert sich aber nicht zum oben verlinkten Orignal-Video, sondern bezieht sich auf einen Ausschnitt, den er hochgeladen hat.