Radiosendung aus JapanKeine Fehltage

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Der 92-jährige Keizaburo Ino alias Onkel Mike im Studio des Regionalsenders in Miyazaki im Süden Japans.
Der 92-jährige Keizaburo Ino alias Onkel Mike im Studio des Regionalsenders in Miyazaki im Süden Japans. Thomas Hahn

Keizaburo Ino ist 92 und moderiert eine der beliebtesten Radiosendungen Japans. Über eine lange Liebesgeschichte mit westlicher Popmusik.

Von Thomas Hahn

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Sendeleiter Seiichiro Tokunaga drückt auf den Knopf und die ersten Takte von Daniel Boones "Beautiful Sunday" erfüllen das Aufnahmestudio des Regionalsenders MRT in Miyazaki. Dann fährt Tokunaga die Musik herunter, und in die leiser werdenden Klänge hinein grüßt Keizaburo Ino alias Onkel Mike mit ruhiger, leicht brüchiger Stimme: "Ohayo gozaimasu", guten Morgen. Ino sitzt hinter der schalldichten Scheibe am Mikrofon und liest locker seine einleitenden Gedanken vor. Es läuft die Aufzeichnung von "Onkel Mikes Beautiful Morning", einer zehnminütigen Sendung, die Menschen in Miyazaki jeden Werktag ab fünf nach halb acht im Autoradio auf dem Weg zur Arbeit oder zu Hause nach dem Aufstehen hören können.

Westliche Musik ist das Thema. Onkel Mike stellt jedes Mal zwei Stücke aus seiner Musikbibliothek vor. Er lässt die Songs wirken, erzählt etwas dazu. Und dabei erscheint ganz unwichtig, dass Onkel Mike mittlerweile ein Alter erreicht hat, in dem man normalerweise keine Pop-Musik-Sendungen mehr moderiert. Er ist 92.

"Meine Energie zum Weiterleben steckt in dieser Sendung."

Der Wert der Erfahrung wird in Japan höher geschätzt als in den Ländern des Westens. Außerdem ist Japan die älteste Gesellschaft der Welt. Viele betagte Menschen arbeiten hier. Teilweise müssen sie das tun, weil ihre schmale Rente nicht reicht. Andere sind auch ohne Not motiviert. Einzelne brechen dabei Altersrekorde. Die Fitnesslehrerin Mika Takishima verblüfft zum Beispiel mit 90 als Influencerin auf Youtube. Im Mai starb Keiichi Iyama aus Sakata, Japans ältester Bartender - er war 95. Und Keizaburo Ino hat also mit 92 seine eigene Radioshow. Er sagt: "Meine Energie zum Weiterleben steckt in dieser Sendung."

Miyazaki ist die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur im Osten der Südinsel Kyushu am Meer. Die Region gilt als Surfer-Paradies und ist stolz auf ihr preisgekröntes Rindfleisch. Viel los ist hier nicht. Und genau darüber berichtet MRT in Radio und Fernsehen, lässt dabei oft die Bevölkerung zu Wort kommen und liefert ansonsten Gute-Laune-Programme. Der Sender gehört der Präfektur sowie einer ganzen Reihe privater Anteilseigner. Er ist eine Institution in Miyazaki, aber im Grunde nichts Besonderes in der reichhaltigen, nicht sehr tiefschürfenden japanischen Medienlandschaft.

Keizaburo Ino war einst Chef einer PR-Agentur. Deshalb hatte er gute Kontakte zu MRT. Durch diese Kontakte landete er beim Radio. Geplant hatte er das nicht. Nichts war geplant in seiner langen Liebesgeschichte mit dem West-Pop.

Sie begann 1943 in Incheon, im heutigen Südkorea. Korea stand damals unter japanischer Herrschaft, Keizaburo Inos Vater verkaufte von dort Reis nach Japan. Der junge Keizaburo bewegte sich vor allem in der japanischen Gemeinde. Eines Tages besuchte er einen Freund, den Sohn eines Geisha-Haus-Betreibers. Und in diesem Haus hörte Keizaburo Ino zum ersten Mal diese Melodie, die beschwingt und traurig zugleich war. Orchesterklänge, kein Gesang. "Ich wusste nicht, was das ist. Trotzdem habe ich mich in dem Moment in die Musik verliebt."

1943 hörte er in einem Geisha-Haus diese Melodie, die beschwingt und traurig zugleich war

Als Japan den Zweiten Weltkrieg verloren hatte, bekam Korea seine Unabhängigkeit zurück. Viele Japaner verließen das Land - Keizaburo Ino und seine Familie auch. In Japan fing er damit an, Musik zu sammeln, die ihn an jene aus dem Geisha-Haus erinnerte. Songs aus Amerika und Europa. Aber die Melodie von damals fand er zunächst nicht. Die hörte er erst 1958 in einem Schallplattenladen in Miyazaki wieder. "Das war die Hintergrundmusik", diesmal mit Gesang. Er fragte den Verkäufer, was das für ein Lied sei. Es war "Goodnight, Irene" von Lead Belly, interpretiert von Frank Sinatra. Keizaburo Ino hatte den Ursprung seiner Leidenschaft wiedergefunden.

Keizaburo Ino könnte sicher viele Anekdoten aus seinem Leben mit der Musik erzählen. Jedes Lied eine Geschichte. Er besitzt 4000 CDs sowie insgesamt noch 16 alte Schallplatten von Elvis Presley und Julio Iglesias, die er behielt, als er seine Vinyl-Sammlung aus Platzgründen weggab. "Julio Iglesias war der Lieblingssänger meiner Frau, deshalb mussten seine Platten bleiben", sagt Ino. Er baute um sich eine ganze Welt aus Songs und wurde einer der besten Westmusik-Kenner in Miyazaki. Deshalb fragte ihn der MRT-Präsident eines Tages, ob er nicht eine Sendung über westlichen Pop übernehmen wolle. MRT bezog damals sein heutiges Gebäude an der Tachibana-dori und wollte sein Programm auffrischen. Ino sagte zu. "Der Start war im Oktober 1984, Sonntagabend, 21 bis 22 Uhr, eine Stunde Live-Sendung", sagt er, "ich war sehr nervös."

J-Pop? Keizaburo Ino bevorzugt die "Beatles", "Simon and Garfunkel" und Carole King

Die Achtzigerjahre waren die hohe Zeit des J-Pop. Aber nicht für Keizaburo Ino. Er macht eine wegwerfende Handbewegung. Er findet im J-Pop nicht die Tiefe, die er im West-Pop findet, vor allem bei den Singersongwriter-Idolen aus der Zeit zwischen 1950 und 1990. Beatles. Simon and Garfunkel. Carole King. "'Yesterday'. 'Bridge over Troubled Water'. 'You've got a Friend'. Das sind Lieder, die von Freundschaft und Liebe erzählen." Nah am Leben, mit Mut zu Gefühlen, die man in Japan lieber unterdrückt. "So ist westliche Musik immer. Sehr direkt. Menschlich. Mit Herz", sagt Ino.

Die ersten Jahre mit Radiosendung waren anstrengend. Er leitete die Agentur. Nebenbei stellte er sein Programm zusammen. "Meine Frau hat damals gesagt, bitte mach die Musik aus. Sie konnte nicht schlafen, weil ich auch nachts Musik gehört habe." Und zwar ohne Kopfhörer. Aus Prinzip. "Die westliche Musik darf man nicht mit Kopfhörer hören", sagt Kaizaburo Ino, "die Räumlichkeit ist wichtig, sonst verliert die Musik ihre Farbe." Er hält inne. "Kennen Sie Bob Seger? 'We've got tonight'? Wenn ich das im Raum höre, muss ich weinen."

Das Lied erzählt von der letzten Nacht vor einer Trennung. Von der Sehnsucht, noch einmal das Gefühl von früher zu spüren. "So eine Kultur gibt es nicht in Japan. Nur Streit." Mit den Songs möchte Ino seinen Landsleuten die herrliche Vielfalt des Seelenlebens zeigen.

Er hat auch schon Hiphop und Reggae gespielt. Aber meistens legt er Pop-Balladen auf. Seine Zehn-Minuten-Sendungen sind immer zwei Interpreten gewidmet, diesmal dem toskanischen Pop-Tenor Andrea Bocelli und der kanadischen Jazz-Sängerin Diana Krall. Er spielt Klassiker, die sie gecovert haben. "Love me Tender". "California Dreamin'". Für ein paar Augenblicke scheint das Kommerzgeplärr des japanischen Alltags zu verschwinden hinter der rührenden Kraft aus Onkel Mikes Musik-Schatz.

"Er hat in 37 Jahren nie gefehlt", sagt Sendeleiter Seiichiro Tokunaga. Und ans Ende denkt offenbar niemand. Bei MRT überlegt man, sich mit der Sendung für das Guinness-Buch der Rekorde zu bewerben. Keizaburo Ino sagt: "Der Präsident hat mir gesagt, ich könne bis zum Tod weitermachen." Und ihn selbst rührt die Musik noch genauso wie vor 40 Jahren. "Wenn ich 'Is It Always Gonna Be Like This' von Rita Coolidge und Jermaine Jackson höre, muss ich auch weinen." Zwischendurch singt er selbst. "Sah ein Knab ein Röslein stehn." Er lächelt. Er genießt jeden Ton, der ihm noch bleibt.

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