Fynn Kliemann im "ZDF Magazin Royale":Der gute Mensch von Instagram

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Fynn Kliemann im "ZDF Magazin Royale": Die Verschleierung des Herkunftslandes auf den Kisten sei passiert, aber nichts, wofür er stehe, sagt Fynn Kliemann (r.) zu den Vorwürfen von Jan Böhmermann.

Die Verschleierung des Herkunftslandes auf den Kisten sei passiert, aber nichts, wofür er stehe, sagt Fynn Kliemann (r.) zu den Vorwürfen von Jan Böhmermann.

(Foto: Screenshot ZDF)

Jan Böhmermann will einen Masken-Skandal aufgedeckt haben. Diesmal geht es ausgerechnet um den Lieblingsselbstdarsteller Fynn Kliemann.

Von Christiane Lutz

Alle Jubeljahre tritt eine Gestalt von unglaublicher Beliebtheit auf. Thomas Gottschalk. Nora Tschirner. Pumuckl. In jüngerer Zeit war diese Gestalt Fynn Kliemann. Kliemann, 34, startete mit liebenswerten Heimwerker-Videos auf Youtube, er ist Schöne-Ferienwohnungen-Vermittler und autodidaktischer Liebesliedsänger. In dem von ihm gegründeten "Kliemannsland", einem alten Pferdehof in Niedersachsen, bietet er Künstlern Ateliers, Werkstätten in Wohlfühlatmosphäre an, man duzt sich. Mit dem Musiker Olli Schulz renovierte er die Hausboot-Bruchbude von Gunter Gabriel, in der Netflix-Doku sieht man ihn treu bis in die Nacht den Akkuschrauber schwingen.

Kliemann engagiert sich für sozial schwache Familien, er verkauft Kleidung und Coronaschutzmasken, nachhaltig produziert natürlich. Er macht alles, wofür man selbst vielleicht zu faul war, er macht es öffentlich, und er macht es auch noch richtig. Dachte man.

Jetzt erhebt der ebenfalls sehr konsensfähige Entertainer Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale den Vorwurf, Kliemann habe bei Geschäften mit Coronaschutzmasken betrogen. Viele Masken seien nicht fair in Portugal und Serbien hergestellt worden, sondern in Bangladesch und Vietnam. 2020 war die Textilfirma "Global Tactics", an der Kliemann heute Anteile hält, auf die Produktion von Masken umgeschwenkt. Kliemann selbst hatte auf Instagram angepriesen, die Masken würden in Europa produziert, fair, aber günstig. Er wolle damit nichts verdienen, beteuerte er im Focus, nicht so wie die "Profitgeier".

Das ZDF Magazin Royal hat nach eigenen Angaben Mails, Chatverläufe und Sprachnachrichten gesammelt, die zwischen Fynn Kliemann und Tom Illbruck, Geschäftsführer von "Global Tactics", und einem weiteren beteiligten Textilhersteller verschickt wurden. Darin wird über Bangladesch als Produktionsort gesprochen, darüber, dass die "Kappa", also die Produktionskapazität, hochgefahren werden muss, und Illbruck überlegt, wie die Lieferkartons von dort "neutral" beim Großkunden, einem Online-Klamottenversand ankommen. Also ohne den Hinweis aufs Herkunftsland - offiziell kamen sie ja aus Europa. Ein paar tausend Masken, die nicht einwandfrei waren, berichtet Böhmermann, sollen an Flüchtlingslager gespendet worden sein.

Kliemann nennt auf SZ-Anfrage einen anderen Schuldigen

Jan Böhmermann tippt in seiner Sendung nicht ohne Schadenfreude auf dem Taschenrechner herum: Eine Million Euro Gewinn soll "Global Tactics" mit den Masken gemacht haben. Peanuts im Vergleich zu den Gewinnen der Maskendeals der CDU/CSU, aber die CDU/CSU war ja vielen Menschen schon immer verdächtig. Und deshalb sind Jens Spahn und seine Maskengeschäfte und -spenden längst in Vergessenheit. Dann zitiert Böhmermann eine Aussage, die nun wirklich nicht nach Gutmensch klingt: "Krise kann auch geil sein", soll Kliemann in einem Chat geschrieben haben.

Auf SZ-Anfrage teilt Kliemann selbst über sein Management am Freitag mit: "Ja, Global Tactics hat auch in Bangladesch Masken herstellen lassen. Nein, ich habe diese Masken nie verkauft oder beworben." Alle als aus Europa stammend gelabelten Masken, die in seinem Shop "Oderso" verkauft wurden, seien auch in Europa hergestellt worden. Jene, die über Global Tactics in Bangladesch produziert wurden, seien "Großhandelskontingent für die Handelspartner und Großabnehmer von Global Tactics".

Die Verschleierung des Herkunftslandes auf den Kisten sei also passiert, aber nichts, wofür er stehe. Zu dem Zeitpunkt sei er noch gar nicht Mitgesellschafter von Global Tactics gewesen. Verantwortlich für das Umlabeln sei Tom Illbruck. Illbruck äußerte sich auf SZ-Anfrage selbst, ja, das Herkunftsland auf Kisten sei nicht zu lesen gewesen, eine Praxis, um langjährig etablierte Geschäftsbeziehungen nicht vor den zahlreichen Kunden offenzulegen. Er sagt am Telefon: "Jeder Kunde wusste, woher die Masken stammen." Seine Kommunikation diesbezüglich bezeichnet er allerdings auch als unglücklich und missverständlich.

Kliemann entschuldigt sich, die ganze Welt habe damals nach Masken geschrien, "ich muss mir klar eingestehen, dass ich den Prozess nicht mehr überblicken konnte".

Der Spruch "Krise kann auch geil sein" war eigentlich lieb gemeint

Falsch seien die Vorwürfe, die Masken seien unter Billiglohnbedigungen in Bangladesch hergestellt worden. Kliemann habe für die Produktion dort nur den Textilproduzenten "Texolution" mit Illbruck von "Global Tactics" zusammengebracht, will aber mit den Details von deren Geschäfte nicht befasst gewesen sein. Der Vorwurf Böhmermanns, er, Kliemann, habe fehlerhafte Masken an Geflüchtete gespendet, sei hingegen haltlos. Die gespendeten Masken seien lediglich "etwas größer als die ursprüngliche Vorgabe" geraten. Das bestätigte auch Illbruck. Falsch sei nur gewesen, sich dafür abfeiern zu lassen. Und der Spruch "Krise kann auch geil sein" sei eigentlich lieb gemeint. Kliemann habe sich auf die Erkenntnis bezogen, in der Krise etwas bewirken zu können.

Womöglich werden auf den Fall jetzt ein paar Juristen schauen müssen. Das ist das eine.

Das andere ist Kliemanns Umgang mit der ZDF-Recherche. Denn nachdem die Redaktion ihn vorab mit den Vorwürfen konfrontiert hatte, wandte er sich zu Beginn der Woche per Video auf Instagram dazu an seine Follower. "Normalerweise sagt man seinem Anwalt Bescheid", sagte er da über die Anfragen des ZDF, "aber das fand ich irgendwie blöd". Investigativen Journalismus fände er "cool", er sei ein Fan von transparenten Gesprächen. Punkt für Punkt handelte er die Fragen ab. Like, Herzchen. Zumindest von der Instagram-Gefolgschaft.

Wenn Journalisten investigativ arbeiten, müssen sie die Gegenseite mit Vorwürfen, über die berichtet werden sollen, vorab konfrontieren, damit die Gegenseite sie gegebenenfalls aus der Welt räumen kann. Mit der Veröffentlichung hat Kliemann die Recherche stattdessen erst mal an sich gerissen, vom "coolen" Investigativjournalismus gibt es dafür keine Herzchen.

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