50 Jahre Spiegel-Affäre "Sie sind nicht bei Al Capone angestellt"

Es konnte kein Zweifel bestehen: Der Spiegel war ausgeschaltet, besetzt, außer der Zentrale in Hamburg auch das Bonner Büro, ein Monat verging, ehe die letzten Besatzer abgezogen waren. 103 Tage saß Augstein in Untersuchungshaft, 81 Tage Schmelz, 55 Tage Ahlers.

Innensenator Helmut Schmidt (SPD) fordert am 31.10.1962 vor der Universität in Hamburg mit einem Megaphon die erregte Menge zur Ruhe auf. Tumulte hatten am Abend des 31.10.1962 eine Podiumsdiskussion über die Verhaftung von Spiegel-Redakteuren verhindert.

(Foto: dpa)

Die Stimmung in der Redaktion war in jener Nacht alles andere als heroisch. Niemand hatte so etwas je erwartet. Zwar war das Blatt damals eine exotische Erscheinung im deutschen Pressewesen, respektlos, oft frivol gegenüber Kirchen und Vertriebenenverbänden, rücksichtslos selbst gegenüber Anzeigenkunden, hochfahrend gegenüber den Mächtigen. Nun aber Landesverrat? Das war denn doch ein beklemmender Vorwurf, nahe an Hilfe für den Bolschewismus.

Und Beklommenheit blieb denn auch die vorwiegende Gefühlslage der Redaktion in der folgenden Woche. Wir waren jung, Augstein 38, das Durchschnittsalter lag bei Mitte 30, und wir waren wohl doch nicht so kampfwütig und abgebrüht, wie der schnodderige, oft arrogante Ton des Blattes glauben machte. Wir waren sämtlicher Arbeitsmittel beraubt, die Zukunft erschien düster. Die Chefredakteure Claus Jacobi und Johannes K. Engel sowie der Bonner Bürochef Hans Dieter Jaene waren gleichfalls festgesetzt worden. Verlagsdirektor Hans Detlev Becker, Augsteins alter Weggefährte, Cheforganisator des Spiegel und Ex-Chefredakteur, versuchte, uns mit dem Aufruf Mut zu machen: "Sie sind nicht bei Al Capone angestellt, sondern bei Rudolf Augstein." Eine Woche später war auch Becker verhaftet.

Hätten die Redaktionen des Stern und der Zeit uns damals nicht Asyl mitsamt Betriebsmitteln gewährt, der nächste Spiegel wäre nicht erschienen und vielleicht überhaupt kein Spiegel mehr. So aber kam am 5. November die Nummer 45 mit dem verhafteten Rudolf Augstein auf dem Titelbild heraus, in 700.000 Exemplaren, 200.000 mehr als zuvor.

Dann passierte etwas, womit weder die beamteten Täter noch wir, die Opfer, gerechnet hatten: In der deutschen Öffentlichkeit brach ein nie da gewesener Sturm der Entrüstung los. Kein Thema, nicht mal die zeitweilige Kriegsgefahr im Gefolge der Kubakrise, beherrschte die Medien so intensiv wie die Aktion gegen den Spiegel. Und die allermeisten Kommentare ergriffen Partei für uns. In der FAZ stellte etwa der Altkonservative Friedrich Sieburg feierlich fest: "Eine Freiheitsregung hat sich in unserem Leben bemerkbar gemacht. Sie ist bisher fast immer ausgeblieben, wenn man glaubte, auf sie hoffen zu dürfen. Aber nun ist sie zu spüren."

"Spiegel tot, Freiheit tot"

An den Hochschulen verging kein Tag ohne Sit-ins, Demonstrationen und Protestaufrufe. "Spiegel tot, Freiheit tot", "Sie schlagen den Spiegel und meinen die Demokratie" oder "Augstein raus, hinein mit Strauß" wurden zündende Parolen. Tausende Studenten strömten zu Podiumsdiskussionen. Da wollten die Professoren nicht zurückstehen. Hunderte unterschrieben Protestaufrufe, 35 Rechts- und Staatswissenschaftler an der Universität Münster, 54 an der Universität Tübingen, 285 Professoren und Dozenten in Heidelberg. Insgesamt mehr als 600 Wissenschaftler. Schriftsteller und Künstler traten für den Spiegel ein. Der konservative Schriftsteller Hans Habe, den der Spiegel vielfach geschmäht hatte, schrieb: "Die Aktion gegen den Spiegel und seinen Herausgeber stellt den größten Skandal seit der Verhaftung Carl von Ossietzkys dar."

Mut fassten wir damals auch, als die "Dummheiten, Blamagen und Verlegenheiten der Justiz" sichtbar wurden, die Richard Schmid, Präsident des Oberlandesgerichts Stuttgart, den Angreifern vorhielt. Denn beim Vollzug der Haftbefehle gegen insgesamt sieben Spiegel-Leute war vieles ins Possenhafte geraten. Den Herausgeber Augstein konnte die geballte Polizeimacht zunächst nicht finden, obwohl er in Hamburg war, nur nicht an seinem Schreibtisch. In Düsseldorf hielten die Staatsschützer den Anzeigenvertreter Erich Fischer für Augstein, obschon sich die beiden kein bisschen ähnlich sahen - Fischer mächtig und groß, Augstein zierlich und klein - und nahmen ihn trotz aller Beteuerungen, er heiße Fischer, auf die Wache mit. Verdachtsgrund: Er fuhr einen Mercedes mit Hamburger Nummer als Dienstwagen.

Polizisten prüften die Einmachgläser im Keller

Vor dem Hamburger Pressehaus begann eine wilde Verfolgungsjagd der Staatsschützer auf einen Wagen, in dem sie die Chefredakteure Jacobi und Engel vermuteten. Im Kleingartenverein "Kolonie Goldkoppel" entstieg dem Auto indes der Maurerpolier Werner Dolata - er musste fünf Mark Strafe wegen überhöhter Geschwindigkeit zahlen. Im Haus von Jacobi hoben die Polizisten die Matratzen aus den Kinderbetten, wendeten das Heu im Ponystall um und prüften die Einmachgläser im Keller.

Und dann erst am Tatort selbst, dem Pressehaus! Da hatte man übersehen, dass es einen siebten Stock gab, in dem die Wirtschaftsredaktion saß. Ressortchef Leo Brawand, der von dem Angriff Wind bekommen hatte, verkroch sich in seinem Schrank, wurde nicht entdeckt und entwich schließlich unter Bruch des Siegels an seiner Zimmertür. Nicht entdeckt wurde auch ein Film, den der Spiegel-Fotograf Frank Müller-May während des polizeilichen Überfalls aufgenommen hatte - eine Fotoassistentin schmuggelte ihn im Büstenhalter nach draußen.

Schließlich fanden die Strafverfolger aber doch noch, was sie suchten: die Spur zu einem Geheimnisträger im Verteidigungsministerium, der dem Spiegel die angeblichen Staatsgeheimnisse verraten haben könnte: Im Safe von Augstein lag ein Papier mit Niederschriften, die Ahlers von seinen Gesprächen mit Oberst Martin angefertigt hatte.