50 Jahre Satellitenübertragung Wie die Echtzeit-Welt entstand

Vor 50 Jahren startete der erste Telekommunikations-Satellit ins All. Ein Wunder, plötzlich konnte man die Welt von allen Seiten einsehen, sprach Kennedy direkt bis ins deutsche Wohnzimmer.

Von Bernd Graff

Eine kleinere Rhetorik-Münze gab es dafür damals nicht: "Diese Errungenschaft ist ein herausragendes Beispiel auf einem der bedeutendsten Gebiete des menschlichen Strebens. Obwohl sie nur ein Vorspiel ist, öffnet sie die Vision einer Ära der internationalen Kommunikation. Es gibt kein bedeutenderes Gebiet als das der menschlichen Kommunikation, und wir müssen die nun verwirklichten Vorteile nutzen und dieses Medium fortan weise und effizient einsetzen, um eine größere Verständigung der Menschen weltweit zu erreichen."

Der erste Mensch, den man am 23. Juli 1962 in Europa sehen konnte, obwohl er gerade in den USA sprach, war John F. Kennedy.

(Foto: dpa)

Nein, die Rede ist ausnahmsweise mal nicht vom Internet. John F. Kennedy, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten, hatte nicht nur die Vision von Menschen auf dem Mond, sondern er sprach am 11. Juli 1962 von einem Satelliten. Das war - vor 50 Jahren - wirklich ein Ereignis: Der Telstar 1, der einen Tag zuvor von Cape Canaveral auf der Spitze einer Thor-Delta-Rakete ins All geschickt wurde, war der erste zivile Telekommunikations-Satellit, der neben Telefon-, Fax,- und Daten-Transfers auch die Live-Berichterstattung fürs Fernsehen zwischen den Kontinenten Europa und Amerika ermöglichte.

Das war ein kleines Wunder damals und erklärt Kennedys Technologie-Hymne. Zwar kannte die Welt schon Live-Bilder, die Krönung der englischen Königin Elisabeth II. am 2. Juni 1953 etwa war so in die Welt gesendet worden. Doch Live-Schaltungen zwischen Kontinenten gab es zuvor nicht - die Signale für die transkontinentale Fernsehberichterstattung liefen bis dahin über Überseekabel, mehrfach verstärkt und natürlich zeitversetzt.

Entsprechend aus dem Häuschen

Nun aber blickte man wie über einen im Weltraum montierten Spiegel direkt auf den anderen Teil der Erde und schien jenen Satz belegt zu sehen, der auf den Rückspiegeln amerikanischer Fahrzeuge zu lesen ist: "Die Objekte in diesem Spiegel sind näher, als sie zu sein scheinen."

Die Menschen waren entsprechend aus dem Häuschen. Denn, wie Kennedy schon sagte, man fühlte, dass mit diesem "Vorspiel" die Zukunft bereits begonnen hatte. Die Berichterstattung über das Wunderding der Technik umfasste denn auch Illustrationen, die jedes Perry Rhodan-Heft als Titelbild hätten schmücken können: Man sah den kugelförmigen Satelliten wie eine kleine geschwätzige Geschwistererde neben unserem Planeten schweben, Linien verdeutlichten die Mikrowellen-Radio-Strahlen, die von einem Kontinent auf ihn zuliefen und in Richtung des anderen wieder abstrahlten.

Man zeichnete ihn auch als Stern, der hoch über der Ionosphäre den Sonnenpartikeln trotzte. Er hatte Ohren und Augen, mit denen er New York, Paris und Lissabon gleichzeitig fixierte. Man verstand das alles nicht damals, konnte es auch nicht verstehen, wohl auch nicht, dass er seine Energie von 3600 Solar-Panels bezog, die auf seiner Außenhaut angebracht waren.

Telstar 1 war eine 60 Millionen Dollar teure, damals unbegreifliche, aber verwirklichte Raumstation der Kommunikation, die schwerelos auf einer elliptischen Bahn um unseren Planeten kreiste. Von jetzt an konnte jeder seine Stimme über das All schicken, jetzt war also der Homo Faber selber im Weltall, und sein Auge erblickte die Welt.