Italienische Sendeanstalt Rai Ein Populist an der Senderspitze

Italo-Schweizer Foa: Ideologisch gewandelt.

(Foto: Claudio Peri/picture alliance)
  • Der 55 Jahre alte Marcello Foa ist von einer parlamentarischen Aufsichtskommission zum neuen Rai-Präsidenten erkoren worden.
  • Zu seinem Antritt kündigte er Veränderungen bei der Fernsehanstalt an - hin zu einem vielfältigen Qualitätsfernsehen.
  • Gewerkschafter, Oppositionspolitiker und Kommentatoren von Printmedien aber sehen in Foa einen gewandten Opportunisten, einen EU-Kritiker und Verbreiter von "Fake News", der nun den neuen Rechtspopulisten in der Regierung diene.
Von Stefan Ulrich

Glaubt man Marcello Foa, so wird er den etwas verblassten, bürokratischen italienischen Staatsrundfunk namens Rai zu neuer Blüte führen. "Eine pluralistische Rai", wolle er schaffen, verspricht er den Zuschauern ihrer vielen Fernsehsender und den Hörern ihrer Radioprogramme. Er werde auf qualitätsvolle Information setzen und die italienische Kultur fördern. Dazu wolle er frische Luft in den riesigen Konzern mit Sitz am Viale Mazzini in Rom hereinlassen. Und das in einer schwierigen Zeit, in der nicht nur Privatsender wie Sky, sondern auch die Filmdienste von Netflix, Amazon oder Apple der traditionellen Rai (Radiotelevisione Italiana) zusetzten.

Der 55 Jahre alte Foa, den eine parlamentarische Aufsichtskommission gerade zum neuen Rai-Präsidenten erkoren hat, empfindet sich als genau den richtigen Mann am rechten Platz. "Ich war noch nie Mitglied einer Partei", betonte er. "Ich habe nie Verbindung zu politischen Kräften gehabt, um Karriere zu machen." In der Rai mit ihren ungefähr 12 000 Mitarbeitern werde er jedenfalls der Garant für Meinungsvielfalt sein. Statt Parteibüchern und Seilschaften solle dort fortan Qualität entscheiden.

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Für die eine oder andere Falschnachricht, die er verbreitete, hat er sich entschuldigt

Ein vielfältiger Qualitätsrundfunk - das klingt gut in aufgehetzten Zeiten, in denen es im zutiefst frustrierten Italien brodelt und die nationalpopulistische, in Teilen rechtsradikale Regierungskoalition das Land weiter aufputscht. Gewerkschafter, Oppositionspolitiker und Kommentatoren von Printmedien fürchten allerdings, Foa sei exakt der falsche Mann für diesen Job.

Sie werfen ihm vor, Anhänger der radikalen Regierungspartei Lega zu sein, gegen die EU und den Euro zu agitieren, sich an Donald Trump und Wladimir Putin zu orientieren und gelegentlich Fake News zu verbreiten, 2016 etwa die Geschichte, Hillary Clinton habe an satanischen Riten teilgenommen. Die italienischen Mediengewerkschaften FNSI und Usigrai bezeichnen die Ernennung Foas bereits als "Todesstoß für die Unabhängigkeit und Selbstverwaltung des öffentlichen Rundfunks".

Eines kann man Foa allerdings nicht absprechen: journalistische Erfahrung und eine beachtliche Karriere. Der in Mailand geborene, in Lugano aufgewachsene Italo-Schweizer arbeitete nach einem Politikstudium für italienischsprachige Blätter in der Schweiz und ging dann zu der Tageszeitung Il Giornale nach Mailand. Als diese von Silvio Berlusconis Bruder übernommen und zu einem Propagandablatt umfunktioniert wurde, gingen etliche Journalisten aus Protest. Foa, inzwischen Außenpolitikchef, blieb. Wer ihn in jenen Jahren kennenlernte, erlebte einen smarten, polyglotten Journalisten, der moderat und pro-europäisch argumentierte und nicht verhehlte, dass es ihm peinlich war, für das Berlusconi-Blatt zu arbeiten. Später leitete Foa ein italienischsprachiges Medienhaus in der Schweiz und unterrichtete an Universitäten Journalismus.

Irgendwann vollzog er dann einen ideologischen Wandel, den La Stampa als typisch für die italienische Rechte bezeichnet. Foa, so schreibt die liberal-konservative Zeitung, poche heute auf italienische Souveränität gegenüber der EU, er sei "Putinanhänger, Salvinianhänger und, generell, alles andere als gemäßigt". Ein früherer enger Kollege Foas sieht in ihm einen gewandten Opportunisten, der nun den neuen Populisten diene.

Diese haben alles dafür getan, Foa auf den Rai-Chefsessel zu hieven. Bei einer ersten Abstimmung der Aufsichtskommission im August fiel der Kandidat noch durch, weil nicht nur die oppositionelle Linke, sondern auch Berlusconis ebenfalls oppositionelle Partei Forza Italia gegen ihn stimmte. Gegen alle Gepflogenheiten präsentierte die Regierung daraufhin Foa erneut. Diesmal stimmte auch Forza Italia für ihn. In italienischen Medien wird behauptet, Berlusconi habe dafür die Zusicherung bekommen, dass der Werbeanteil seiner privaten Fernsehsender nicht gedeckelt wird.

So ist Foa nun Präsident der für die politische Bildung im Land so wichtigen Rai - und damit Chef eines jener "Mainstream-Medien", gegen die er in Blog-Beiträgen gern geschimpft hat. Für die eine oder andere Falschnachricht, die er verbreitete, hat er sich entschuldigt. Laut der New York Times sagte er dabei, er sei manchmal der Versuchung erlegen, Sensationsmeldungen zu verbreiten, um seine Leserzahlen in sozialen Medien zu steigern.

Dieser Mann soll nun für die Qualität der Rai bürgen. In nächster Zeit will er deren Führungsleute austauschen. Italiens Vize-Premier Luigi di Maio von der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung freut sich bereits: "Wir beginnen jetzt eine echte kulturelle Revolution bei der Rai, um uns von Parasiten zu befreien."

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