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Guardian-Journalist Roy Greenslade:Spätes Bekenntnis

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Roy Greenslade.

(Foto: Eamonn M. McCormack/Getty Images)

Der britische Kolumnist Roy Greenslade sympathisierte stets mit dem bewaffneten Freiheitskampf für Nordirland. Nun, mit 74, legt er das offen.

Von Alexander Menden

Die bis in die Achtzigerjahre oft bürgerkriegsähnlichen Verhältnisse in Nordirland, die häufig unter der beschönigenden Bezeichnung "troubles" (Unruhen) firmieren, werfen bis heute ihre Schatten in die Biografien und das Leben vieler Menschen in Irland und Großbritannien. Eine offene oder verdeckte Unterstützung der republikanischen Terrorgruppe IRA ist daher noch immer ein Sachverhalt, der Karrieren beeinträchtigen, beschädigen oder gar beenden kann.

Erstaunlich also, dass der renommierte britische Zeitungskolumnist Roy Greenslade nun in der Sunday Times seine langjährigen Sympathien für den bewaffneten Kampf um die Unabhängigkeit Nordirlands vom Vereinigten Königreich offengelegt hat. Der 74-Jährige, der von den Sechzigerjahren an, wie in Großbritannien üblich, für eine Reihe von Zeitungen mit großer qualitativer Bandbreite und unterschiedlichen politischen Ausrichtungen arbeitete - darunter die Daily Mail, die Sun und den Guardian -, beschreibt unter anderem, dass er jahrelang unter Pseudonym "so oft wie möglich" für An Phoblacht schrieb. Die politische Wochenzeitschrift gilt als Sprachrohr von Sinn Féin.

Er wollte seine Karriere nicht gefährden

In dem Text berichtet Greenslade, wie der als "Bloody Sunday" berüchtigt gewordene 30. Januar 1972, an dem britische Soldaten im nordirischen Derry 13 katholische Demonstranten töteten, für ihn "einen Wendepunkt" dargestellt habe. Ihm sei klar geworden, dass "der Kampf zwischen den Kräften des Staates und einer Gruppe von Aufständischen ungleich war und daher nicht unter konventionellen Bedingungen geführt werden konnte". Er spricht zudem ausführlich von seiner Freundschaft mit dem ehemaligen Sinn-Féin-Vizevorsitzenden Pat Doherty.

Was nicht nur konservative Kommentatoren gegen Greenslade aufbringt, sondern unter anderem auch den ehemaligen Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger, ist der Umstand, dass Greenslade seine Sympathien verheimlichte, um seine Karriere als Journalist nicht zu gefährden. Es gebe keine Pressefreiheit in Großbritannien, so Greenslade, die Gesinnungspolizei der Herausgeber und Chefredakteure hätte ihm Berufsverbot erteilt, wenn er sich offener für irisch-republikanische Belange eingesetzt hätte.

Viele Kollegen kritisieren ihn nun scharf. Sebastian Payne von der Financial Times, der unter Greenslade sein journalistisches Handwerk lernte, sagt, es werde ihm "zutiefst schlecht" angesichts des Textes; der ehemalige Sun-Chefredakteur Kelvin MacKenzie nennt ihn einen "Gewalt befürwortenden, die IRA unterstützenden Scheißkerl". Aber auch Alan Rusbridger fordert, alle Greenslade-Artikel, die beim Guardian noch online zugänglich seien, müssten nun mit einem ergänzenden Kommentar versehen werden. Greenslade hatte in der Zeitung 2014 die Glaubwürdigkeit einer Frau in Frage gestellt, die angegeben hatte, sie sei von einem IRA-Mann vergewaltigt worden.

© SZ/hy
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