Süddeutsche Zeitung

Investigativer Journalismus:Hajo Seppelt, der Doping-Jäger der ARD

Lesezeit: 5 min

Er kämpft gegen das kumpelige Geklüngel im Sportjournalismus - und die Methoden russischer Reporter. Gespräch mit einem, der die Dinge persönlich nimmt.

Von Bernd Dörries

Es ist die Frage, die Sportjournalisten ganz gerne stellen. Die Frage, die immer passt, im Sieg und in der Niederlage oder wenn es sonst wenig zu fragen gibt. Es ist eine harmlose Frage, aber auch eine, die ein Teil des Problems ist, das den Sportjournalismus seit Jahren begleitet. Das Problem der Nähe. Wenn man Hajo Seppelt fragt, wie er "sich denn gerade so fühle", dann rollt er erst einmal mit den Augen, weil die Frage für all das steht im Sportjournalismus, für das Hajo Seppelt nicht steht, das Kumpelige, das Gefühlige, das Fansein.

Andererseits ist es der Abend vor dem größten Triumph seiner Journalistenkarriere, der Donnerstagabend vergangener Woche, wenige Stunden bevor der Internationale Leichtathletikverband russische Athleten von Olympia ausschließen wird.

Seppelt, 53, kommt gerade von einem Informantentreffen im Rheinland und ist auf dem Weg nach Wien, dazwischen muss er am Kölner Flughafen die "Wie fühlen Sie sich?"-Frage beantworten. "Wenn wir das mitangestoßen haben, dann ist das ein Erfolg für die Arbeit der Redaktion."

Viele Jahre lang hatte sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen wie ein Fan verhalten

Mitangestoßen ist eine vorsichtige Formulierung dafür, dass Seppelt mit seinen Dokumentationen wohl die entscheidenden Beweise dafür geliefert hat, dass das, was in Russland passiert, ziemlich nahe dran ist am Staatsdoping. Dass eine solche Enthüllung einmal zu einer ziemlich guten Sendezeit in der ARD laufen würde, war lange nicht absehbar.

Viele Jahre lang hatte sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in erster Linie wie ein Fan verhalten, der am Straßenrand oder im Stadion die Idole bejubelt. Journalismus bedeutete, einem Sportler das Mikrofon unter die Nase zu halten und die Wie-fühlen-Sie-sich-Frage zu stellen. Mittendrin statt nur dabei. Sport als Gute-Laune-Fernsehen, als Um-die-Wette-Klatschen mit Poschi im Sportstudio. Heile Welt. "So langsam kommt das Bild des Sports der Wirklichkeit näher", sagt Seppelt in einer Bar des Kölner Flughafens. Aber die, die ihren Beruf ganz anders verstehen, die gibt es natürlich immer noch. Reporter, die vor Freude über einen deutschen Sieg einen roten Kopf haben, stehen auch heute bei den großen Turnieren am Spielfeldrand. Aber sie sind nicht mehr die einzigen.

Hinter Seppelt laufen die Bilder der EM, er sitzt mit dem Rücken zum Bildschirm. Der WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn erklärt in diesen Tagen oft, dass der Sender entschieden bei der Uefa dagegen protestiert habe, dass man die Bilder von randalierenden russischen Fußballfans nicht zur Verfügung gestellt bekommen habe. Die ARD, sagt Schönenborn so ungefähr, lege großen Wert darauf, dass nichts unter den Teppich gekehrt werde. Es ist alles gerade ziemlich investigativ.

Das war nicht immer so. Vor zehn Jahren setzte der damalige ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf Seppelt als Schwimmreporter ab. Der ging ihm mit seinem ständigen Doping auf die Nerven, so interpretierten es damals Kollegen. Boßdorf hatte im System ARD Karriere gemacht, indem er sich möglichst nah an das vom Doping verseuchte System Telekom ranwanzte, eine Biografie über Jan Ullrich mitverfasste und Veranstaltungen der Telekom moderierte. Embedded Journalism. Aus heutiger Sicht ein ziemlicher Skandal, vor noch nicht allzu vielen Jahren letztlich Alltag. Damals war Seppelt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eher ein Außenseiter. Heute nimmt der WDR ihn mit zum Parlamentarischen Abend im Düsseldorfer Landtag, zu einer Veranstaltung, die eine Art Arbeitsnachweis gegenüber denen ist, die über die Gebühren zu entscheiden haben. Seppelt ist da nun ein Hauptargument.

"Die Wertschätzung für Dopingberichterstattung im Sender ist gewachsen", sagt Seppelt. Eine Grundproblematik hat sich aber nicht geändert. Im Hintergrund spielt Nordirland gegen Ukraine, eine von 45 EM-Partien, für die ARD und ZDF viele Millionen ausgegeben haben. Und über die sie gleichzeitig berichten müssen. Es ist so, als würde Spiegel Online ein hübsches Sümmchen dafür zahlen, Bundestagsdebatten zu übertragen - und gleichzeitig kritisch davon berichten.

"Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Natürlich ist es interessant, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk einerseits zur Fifa-Korruption recherchiert und andererseits für die Fußball-WM-Rechte an die Fifa bezahlen muss. Uns ist allen klar, dass wir uns mit dem Gegenstand der Berichterstattung nie gemein machen." Nicht mal ein bisschen?

Das ist auch so eine Frage, die Seppelt sich immer wieder stellen lassen muss. Die, ob er nach Dienstschluss dann die Tröte auspackt und die deutsche Mannschaft unterstützt. In der Frage schwingt oft auch eine gewisse Erwartung mit, es doch auch mal gut sein zu lassen, mal eine Pause zu machen. "Ich habe keine Begeisterung für die deutsche Mannschaft, das ist nicht mein Job, ich bin nicht ,stolz auf Deutschland', ich bin kein Fan. Ich bin lediglich interessiert."

"Eiferer" und "Missionar" haben sie ihn genannt in der Branche und auch unter den Kollegen. Es ist viel Seppelt zu sehen in seinen Reportagen, Seppelt im Auto, Seppelt am Telefon, Seppelt am Computer. Transparenz nennt er es, eine gewisse Eitelkeit nennen es andere.

Vielleicht kann man den Job, so wie ihn Hajo Seppelt macht, gar nicht anders nehmen als sehr persönlich

Vor der Entscheidung des Leichtathletikverbandes hat das russische Fernsehen eine Kollegin nach Deutschland geschickt, Seppelt eine Falle gestellt, in die er ein bisschen naiv hineintappte. Die Reporterin will in einem Kölner Hotelzimmer Beweise sehen, fragt, ob Seppelt gekauft wurde von den Geheimdiensten. Die Sache eskaliert, Seppelt will das Interview beenden, die Reporterin nicht, bleibt einfach da, Seppelt drängt sie nach draußen, nimmt ihr den Mikrofonschutz weg, liefert ihr die Bilder, die sie haben wollte: Westlicher Provokateur kann keine Beweise für Doping vorlegen und wird handgreiflich.

Es war eine Ausnahmesituation, in der es keine richtige Reaktion gab, aber erstaunlich war es schon, wie Seppelt Vorträge hielt über journalistische Unabhängigkeit. Oder die Frau aus Russland immer wieder als "dumm" beschimpfte. Ein paar Tage zuvor hatte Sandra Maischberger in ihrer Sendung einen Mitarbeiter von Russia Today neben Seppelt platziert, dessen Theorien ihn zur Weißglut brachten.

Ob er die Dinge manchmal zu persönlich nehme?

Tue ich das?, fragt Seppelt zurück.

"Es ist verblüffend zu sehen, dass - wenn Dinge offenkundig sind - die Leute immer noch behaupten, dass die Welt eine Scheibe ist."

Vielleicht kann man den Job, so wie ihn Hajo Seppelt macht, gar nicht anders nehmen als sehr persönlich. Er ist ein Ein-Mann-Unternehmen, das sich mehr Gedanken über neue Akten macht als über den letzten Fernsehauftritt.

Über Jahre hat ein sehr kleiner Kreis von investigativen Sportjournalisten gegen mächtige Gegner gekämpft. In den Verbänden, in den Anstalten und Unternehmen, und in der öffentlichen Meinung. Jetzt ist Erntezeit. Armstrong, Blatter, die deutsche WM-Bewerbung, die russische Leichtathletik. Es war ein harter Kampf. Seppelt ist bislang freier Mitarbeiter des WDR, künftig soll er wohl über seine eigene Produktionsfirma beauftragt werden, wozu keiner der Beteiligten etwas sagen will.

Von Maischberger und Plasberg kennt man das, im investigativen Sportjournalismus bisher eher nicht. "Der ist weiter notwendig", sagt Seppelt, "was in der Politik mittlerweile als No-Go gilt, ist im Sport immer noch üblich, die totale Vermengung der Interessen: Der Vizepräsident des IOC ist gleichzeitig Präsident der Welt-Antidoping-Agentur Wada. Das ist so, als würde der Chef eines Zigarettenkonzerns gleichzeitig dem Nichtraucherbund vorstehen."

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Quelle:
SZ vom 23.06.2016
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