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Investigative Journalisten tagen in Rio:Eine Familie, die wächst

Sie bringen Mörderbanden zur Strecke oder legen sich mit Despoten in Bananenrepubliken an: Investigative Journalisten unternehmen viel für eine bessere Welt, auch wenn sie dabei Leib und Leben riskieren. Und sie werden mehr, wie sich auf einer Konferenz in Rio de Janeiro zeigte.

Reportern sieht man ihren Mut nicht an. Nicht die Mühen, nicht die Hartnäckigkeit. Stephan Hofstatter wirkt klein und zurückhaltend, wie er da auf der Bühne des Auditoriums der päpstlichen Universität in Rio de Janeiro mit dem Mikro hantiert und in einer Power-Point-Präsentation sein methodisches Vorgehen darlegt.

Er könnte als Priester, Lehrer oder Wissenschaftler durchgehen, berichtete er nicht davon, wie er mit zwei Kollegen und einer Portion Todesmut mehr als ein Jahr eine Mörderbande jagte - und zur Strecke brachte.

Es war ein Tabuthema in Südafrika, die Killer gelten da als "die Guten", wie der Reporter der Sunday Times sagt. Er enthüllte, wie eine Polizeieinheit drauflos mordete und die Taten stets als Notwehr ausgab. Die Opfer waren Taxifahrer, die einem Konkurrenten im Weg standen. Er wirft Bilder regelrechter Hinrichtungen an die Wand. Ausgangspunkt der Recherche war ein Hinweis eines Polizisten. Brisant war die Nähe zur Macht, weil die Opfer offenbar einem Taxi-Unternehmer mit guten Kontakten zum Präsidenten im Weg standen.

Bis Hofstatter mit seinen Kollegen "Cato Manor: Inside a South African Police Death Squad" 2011 in der Sunday Times veröffentlichte, war es ein langer, mühsamer Weg. Ein ganzes Jahr sammelten sie Belege und trafen trotz Überwachung Informanten. Sie erfuhren, dass vier Mörder auf sie angesetzt seien und mussten Bodyguards anheuern. Ihre Recherchen lösten Ermittlungen aus, 30 Polizisten wurden angeklagt, einige wegen Mordes. Nach der Präsentation herrscht respektvolle Stille.

Dann berichtet Khadija Ismayilova, wie sie für das Organized Crime and Corruption Reporting Project, Radio Free Europe und dem Czech Center for Investigative Journalism über Korruption in Aserbaidschan recherchierte. Weil sie die Familie des Präsidenten ins Visier nahm, wurde ihr hart zugesetzt.

Die Feigheit der etablierten Medien

Ein anonymer Brief enthielt intime Bilder von ihr, aufgenommen mit versteckter Kamera in ihrem Schlafzimmer, dazu eine Warnung, sich zurückzuhalten oder bloßgestellt zu werden. Doch sie gab nicht auf, machte den Angriff öffentlich und spricht in Rio davon, dass ihr zu Hause Haft drohe, sie aber trotz der Gefahr für ihr Leben weiter Missstände aufdecken will. Kollegen applaudieren.

Vier Tage lang trafen sich in Rio de Janeiro inmitten exotischer Urwaldbäume in Hörsälen und Seminarräumen Hunderte investigativer Journalisten aus aller Welt, um über ihre Recherchen zu sprechen, über handwerkliches Vorgehen und kommende gemeinsame Projekte. Um Kontakte, Visitenkarten und Quellen zu tauschen, und um in Workshops über Datenjournalismus, über Suchstrategien im Netz und halbwegs sichere Wege der Kommunikation zu lernen.

Die Teilnehmer lauschten dem Reporter Glenn Greenwald, der über seine NSA-Enthüllungen sprach und etablierten Medien vorwarf, dass Angst und Feigheit zu ihrer Identität gehörten. Dass am Tag danach angekündigt wurde, Greenwald arbeite bald für eine von Ebay-Gründer Pierre Omidyar gestiftete digitale Plattform, scheint da nur folgerichtig.