Intimitäts-Koordinator Die Zeit der Ausreden ist vorbei

Für die Rotlichtserie The Deuce mit Margarita Levieva und James Franco arbeitete HBO mit Intimitätsberaterinnen zusammen - und will dabei bleiben.

(Foto: HBO)
  • 2016 gründete Claire Warden mit ihren Kolleginnnen den Non-Profit-Zusammenschluss Intimacy Directors International (IDI).
  • Ziel der Organisation ist es, die Zahl der Übergriffe an Film- und Seriensets zu verringern.
  • In Zusammenarbeit mit Psychologen, Anwälten und Soziologen haben die IDI ein Protokoll entwickelt, das Regisseure und Schauspieler beim Dreh von intimen Szenen befolgen sollen.
Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Natürlich hat auch Claire Warden Der letzte Tango in Paris gesehen, jenen Film des kürzlich verstorbenen Regisseurs Bernardo Bertolucci, in dem die Schauspielerin Maria Schneider Opfer einer simulierten Vergewaltigung wird: Weil Bertolucci, so behauptete er es später jedenfalls, die Erniedrigung einer Frau möglichst authentisch zeigen wollte, ihre Angst, ihre Verzweiflung, ihre Wut, weihte er die Schauspielerin nicht ein in die Details dieser Szene, in der Marlon Brando sie mithilfe von Butter überfällt und die Kamera gnadenlos draufhält auf das überraschte, entsetzte, verzweifelte Gesicht einer Frau, die schreit und weint und sich wehren will gegen das, was da passiert.

Diese junge Frau, 19 Jahre alt und nach damaligen Gesetzgebung minderjährig, musste also laut Bertolucci erniedrigt werden, damit es authentisch wirkte. "Ich fühle mich schuldig, aber ich bereue es nicht", sagte der Regisseur später. Um es beim Namen zu nennen: Es war sexuelle Nötigung, eine Straftat, und Bertolucci und Brando haben das tun können, weil niemand sie aufgehalten hat. "Meiner Meinung nach war das ein Verbrechen mit vielen Zeugen", sagt Claire Warden: "So was würde nicht passieren, wenn ich in der Nähe bin."

"Bei intimen Szenen sorgen klare Regeln für Entspannung und letztlich größere Freiheit."

Allerdings sind Warden und ihre Kolleginnnen von Intimacy Directors International (IDI) noch nicht lange in der Nähe. Der Non-Profit-Zusammenschluss von Koordinatorinnen für heikle Szenen in Theater, Film und Fernsehen wurde erst vor zweieinhalb Jahren gegründet. Am Set gibt es Spezialisten für allerlei Details, Choreografen für Tänze und Stunts zum Beispiel, Experten für Sound und Lichtsetzung, beim Dreh zum Musikvideo zu "Jenny from the Block" gab es sogar einen, der dafür verantwortlich war, wie die Nippel der Sängerin Jennifer Lopez in Szene gesetzt wurden. Warum also gibt es diese Experten für intime Szenen erst seit 2016?

"Der Auslöser waren die misogynen Prahlereien von Donald Trump, was er sich als Promi bei Dreharbeiten alles erlauben könne", sagt Warden: "Die Enthüllungen um sexuellen Missbrauch in Hollywood und die anschließende ,Me Too'-Bewegung waren Katalysatoren, aber Trumps ,Grab them by the pussy'-Aussagen haben den Leuten in der Branche gezeigt, dass auch am Set viel falsch läuft."

Sie selbst habe das als junge Schauspielerin am Theater erlebt: "Es gab eine Szene, in der geküsst und umarmt wurde. Es war alles abgesprochen, doch dann hat eine Vertretung die Situation missbraucht, und plötzlich war die Hand da, wo sie nicht hingehörte. Es gab niemanden, an den ich mich hätte wenden können."

IDI-Gründerin Claire Warden.

(Foto: clairewarden.com)

Kunst soll provozieren, sie hinterfragt gesellschaftliche Grenzen und verschiebt sie auch mal. Und das, was auf Bühne und Bildschirm zu sehen ist, das soll den Zuschauer auch mal aufwühlen, schockieren, verstören. Schauspieler müssen Illusion erschaffen, nicht nur über Sprache und Gestik und Mimik, sondern oftmals auch über Kontakt mit anderen Schauspielern. "Physical Storytelling" nennen sie das in den USA, wenn Schauspieler eine Figur wahrhaftig verkörpern - das bedeutet allerdings nicht, dass sie tatsächlich zu dieser Figur werden müssen oder dass sie selbst am Ende der Dreharbeiten aufgewühlt, schockiert oder verstört sein sollen. Und es bedeutet gewiss nicht, dass Gesetze im Namen der Kunst außer Kraft gesetzt werden dürfen.

Die Intimacy Directors International haben deshalb ein Protokoll für den Umgang mit diesen Szenen entwickelt, die nicht immer gleich mit Sex zu tun haben müssen. Intim kann demnach ein Kuss sein, eine Umarmung, das Packen am Arm. Im Drehbuch steht dann oft nur "küssen sich" oder "umarmen sich" oder "packt sie heftig am Arm" - wer weiß schon, was das genau bedeutet, zumal, wenn es vielleicht zum ersten Mal im Leben passiert? "Viele Schauspieler erleben, weil sie sehr früh mit dieser Kunst beginnen, den ersten Kuss ihres Lebens auf der Bühne oder vor der Kamera", sagt Warden: "Ihnen wurde bislang gesagt: 'Jetzt wird geküsst!' Und dann wurde geküsst."