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Interviewsammlung "Die gehetzte Politik":Von Rhetorikprofis und Scherbengerichten

Wie regiert es sich, wenn jedes falsche Wort direkt in die Welt hinausgetwittert wird? Kümmern sich Politiker noch um mediale Kritik? Studenten haben mit Politikern und Journalisten über deren delikates Verhältnis gesprochen und die Interviews im Buch "Die gehetzte Politik" veröffentlicht.

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Angela Merkel bei der Bundespressekonferenz 2012

Quelle: AFP

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Wie regiert es sich, wenn jedes falsche Wort direkt in die Welt hinausgetwittert werden kann? Was macht der Dauerdruck der Finanzmärkte mit den verantwortlichen Entscheidungsträgern? Studenten haben mit Politikern und Journalisten gesprochen und die Interviews im Buch "Die gehetzte Politik" veröffentlicht.

Studenten der Universität Tübingen haben mit 27 einflussreichen Politkern Journalisten, Lobbyisten und Intellektuellen gesprochen. Ergebnis: das Buch "Die gehetzte Politik". "Hängen die Politiker am Gängelband der Medien und Märkte?", lautet die wesentliche Frage. SZ.de präsentiert zehn ausgewählte Beispiele aus der Interviewsammlung - von Piratin Marina Weisband bis zu Hamburgs ehemaligem Ersten Bürgermeister Ole von Beust.

Alle Zitate stammen aus dem Buch von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.): Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte. © Copyright Herbert von Halem Verlag 2013, Köln.

Im Bild: Bundeskanzlerin Angela Merkel umringt von Journalisten bei der Bundespressekonferenz am 17. September 2012

Marina Weisband, Parteitag der Piraten

Quelle: Getty Images

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Marina Weisband (ehemalige Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei):

"Ich glaube, Politiker würden weniger angefeindet und beleidigt werden, wenn allen Bürgern und Journalisten klar wäre, dass sie auch einfach nur Menschen mit Gefühlen sind. Politiker müssen immer stark wirken und das lässt die Menschen glauben, sie hätten keine emotionalen Bedürfnisse. Es ist ein Teufelskreis."

Gerade eben wurde sie in einer Umfrage des Männermagazins Playboy zur "sexiest Politikerin" Deutschlands gewählt. Auf ihr Äußeres will Marina Weisband, bis Januar 2012 Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, aber keinesfalls reduziert werden. Viel wichtiger sei ihr das Ziel, die Gesellschaft von Grund auf zu verändern - bis jeder Bürger in der Politik mitbestimmen kann und will. Wie lange sie für die geplanten Umwälzungen braucht, sagt sie im Interview: "20 Jahre."

Giovanni di Lorenzo

Quelle: dpa/dpaweb

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Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur von Die Zeit):

"Gerade weil es heute eine große Pluralität der Medien gibt, weil das Internet an Bedeutung gewinnt und die Fernsehlandschaft zersplittert, kümmern Politiker einzelne Verrisse überhaupt nicht mehr."

Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit: Seiner berufsbedingte Tour führte ihn von Süd- nach Norddeutschland. Nun ist Giovanni di Lorenzo Zeit-Chefredakteur und ein einflussreichster Medienmacher. Dass das mit einer allzu intimen Beziehung zu politischen Entscheidungsträgern zu tun haben könnte, versucht er im Interview mit einer kleinen Anekdote zu widerlegen. Als ihm ein Bundeskanzler abends an einer Bar das "Du" anbot, habe er abgelehnt.

Landtag Schleswig-Holstein debattiert über Glücksspielrecht

Quelle: dpa

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Wolfgang Kubicki (Fraktionsvorsitzender der FDP in Schleswig-Holstein):

"Ich bin offensichtlich unterhaltsam. Und Talkshows sind nichts anderes als Unterhaltungssendungen. Deshalb werde ich wohl eingeladen."

Er ist seit jeher der Lautsprecher der FDP: Wolfgang Kubicki, Fraktionsvorsitzender der schleswig-holsteinischen Liberalen und im zivilen Beruf Rechtsanwalt. Im Interview beklagt er den Mangel an Charakteren in der Politik - um diese Lücke zu füllen, kandidiert er im Herbst selbst für den Bundestag. Und das, obwohl er schon vor Jahren die Befürchtung geäußert hat, er könnte in Berlin "zum Säufer oder Hurenbock" werden.

Winfried Kretschmann

Quelle: dpa

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Winfried Kretschmann (Ministerpräsident von Baden-Württemberg):

"Ein bisschen unterhalten muss die Politik ja auch. Aber sie darf eben nicht - wie in Talkshows - zu schlechtem Theater verkommen."

30 Jahre lang saß er in der Opposition, nun ist Winfried Kretschmann seit Mai 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg - und außerdem der erste Grünen-Landesvorsteher in der Geschichte Deutschlands. Nach eigener Aussage kommt er den Wünschen der Presse und insbesondere von Fotografen bis zu einem gewissen Punkt nach, für sein Privatleben jedoch bewahrt er sich "so viel Freiheit wie möglich".

SERVICE PLAN - MIT DEM ZWEITEN SIEHT MAN BESSER: Marietta Slomka

Quelle: OBS

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Marietta Slomka (TV-Moderatorin und Journalistin):

"Politiker sind Rhetorikprofis, die wollen nichts offenbaren, sondern in erster Linie positive Botschaften verbreiten."

Was ihre Aufgabe bei einem der drei- bis vierminütigen Politiker-Interviews im heute journal ist, definiert Marietta Slomka in wenigen Worten: "Ich bin zuständig für das Unangenehme." Seit bald 13 Jahren moderiert sie die Nachrichtensendung nun schon. Auf ihr offensichtlich gutes Aussehen angesprochen, ist sie jedoch sicher, dass sie den Job aufgrund ihrer Kompetenzen bekommen habe - "und nicht wegen meiner Augen- oder Haarfarbe".

Stuttgart 21 - Streitschlichter Heiner Geißler

Quelle: dpa

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Heiner Geißler (ehemaliger CDU-Generalsekretär):

"Streit in der Politik, auch in der eigenen Partei, ist wichtig. Leider gibt es auch Journalisten, die eine scharfe Debatte sofort kritisieren, anstatt den konstruktiven Streit zu loben."

Von 1977 bis '89 war er Generalsekretär der CDU - ein Rekord, der noch immer Bestand hat. Dabei hat sich Heiner Geißler mehr als einmal mit seiner Partei angelegt, auch heute noch kritisiert er die CDU vor allem in Fragen der Transparenz. Im Interview plädiert er trotzdem dafür, in der deutschen Verfassung festzuschreiben, welche "Streitigkeiten der direkten Demokratie nicht zugänglich sind".

Richard David Precht

Quelle: dpa

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Richard David Precht (Philosoph):

"Jede Entscheidung sollte erst noch einmal gegengeprüft werden, um vorschnelle Maßnahmen, Scherbengerichte und massenmediale Exekutionen zu verhindern. Wir leben heute in einer hochbeschleunigten Welt mit einem System, das eigentlich auf Entschleunigung angelegt ist."

Die Kraft, einen politischen Strukturwandel herbeizuführen, traut Richard David Precht dem Internet nicht zu. Stattdessen ruft der Philosoph, Publizist und Autor im Gespräch dazu auf, auf die Straßen zu gehen und zu demonstrieren, um etwas zu bewegen. Doch obschon er dem World Wide Web keine große Macht zubilligt, vermutet Precht, dass viele Forderungen der Piraten "in einigen Jahren eine Selbstverständlichkeit sein" werden.

Finanzminister Schäuble

Quelle: dpa

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Wolfgang Schäuble (Bundesfinanzminister):

"Medien sind Verstärker. Aber sie agieren und urteilen auch sehr situativ und kurzfristig. Da muss man versuchen, sich das Langzeitgedächtnis zu bewahren."

Wolfgang Schäuble sitzt seit mehr als 40 Jahren für die Christdemokraten im Bundestag, war mal enger Vertrauter von Kanzler Helmut Kohl, wurde dann von ihm vorgeführt - und kam in den Sog der CDU-Spendenaffäre zu Beginn des Jahrtausends. Trotzdem hat er sie politisch überstanden. In der Euro-Krise hat er nun als Finanzminister den wohl wichtigsten Posten im Kabinett inne. Was über ihn geschrieben wird, sagt Schäuble im Interview, interessiert ihn dennoch nicht. Sein Credo: "Nimm dich nicht so wichtig."

Nkolaus Blome

Quelle: Rainer Jensen/dpa

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Nikolaus Blome (Stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Hauptstadtbüros der Bild):

"Die Kunst ist, etwas boulevardesk zu machen und trotzdem in den Fakten unangreifbar. Das kann eine Qual sein, aber es macht unheimlich Spaß. Nicht das ganze Leben lang, aber eine Zeitlang schon."

Die "Pleite-Griechen", Guttenbergs Plagiats-Affäre und der Rücktritt von Christian Wulff: Bild-Journalist Nikolaus Blome verteidigt im Gespräch die Herangehensweise seiner Zeitung an die wichtigsten Themen der jüngsten Vergangenheit. Und hält ein Plädoyer für seine Vorstellung von Boulevard-Journalismus: "Schnell, pointiert, schrill und laut" soll er sein.

Ole von Beust besucht Pandas in China

Quelle: dpa

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Ole von Beust (ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg):

"Wenn die Journalisten einen mögen, wird man oft - auch unangemessen - gelobt. Aber wenn sie das Gefühl haben, jetzt sei Ihre Zeit abgelaufen, werden Sie für dieselben Dinge in die Pfanne gehauen."

Im Interview spricht Ole von Beust über seine Zeit als Hamburger Bürgermeister, die "Schill-Affäre" und die deutschlandweit erste schwarz-grüne Koalition, die 2008 unter seiner Federführung entstand. Mittlerweile arbeitet er wieder in seinem Beruf als Rechtsanwalt und Berater und scheint sehr glücklich zu sein, die Dinge jetzt so tun zu können, "wie es mir gefällt". Und ohne dabei unter ständiger medialer Beobachtung zu stehen.

© Süddeutsche.de/mkoh/ihe/lala

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