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Internationale Presse zum Tod von Bin Laden:"Eine Spaltung von al-Qaida ist wahrscheinlich"

Der Staatsfeind Nummer eins ist tot: Für manche Medien ist es der größte Erfolg im Anti-Terror-Kampf. Andere fragen sich, ob Bin Ladens Tod überhaupt eine Rolle spielt - und erklären, was der wirkliche Sieg der US-Amerikaner ist.

Al-Qaida-Chef Osama bin Laden ist tot, verkündete US-Präsident Obama am frühen Montagmorgen deutscher Zeit. Weltweit machen sich nun Kommentatoren Gedanken, was sein Tod für die Zukunft von al-Qaida und den Anti-Terror-Kampf bedeutet.

Kiosk in Brasilien: Weltweit Schlagzeilen zum Tod des Staatsfeindes Nummer 1

(Foto: AFP)

Die New York Times freut sich über den "größten Einzelerfolg" der USA im Krieg gegen al-Qaida und wartet gespannt auf die Reaktion aus Pakistan - dem Land, das den Vereinigten Staaten nicht immer ganz glaubwürdig seinen Beistand im Kampf gegen den Terror versichert hatte und in dem Osama bin Laden nun von amerikanischen Soldaten getötet wurde. Allerdings sollten sich die Amerikaner angesichts der Vernichtung ihres Feindes nicht zu früh freuen: Auch wenn für al-Qaida nun erst recht schwere Zeiten anbrechen, werde der Tod ihrer Symbolfigur nicht das Ende der locker organisierten Terrorgruppierung sein.

Ein viel größerer Erfolg als Bin Ladens Tod sei die Tatsache, dass die US-Bürger in den vergangenen zehn Jahren die enorme Furcht vor dem Al-Qaida-Chef und seinem "Pöbel" überwunden hätten, schreibt ein zweiter Kommentator auf der Seite der New York Times. Man wisse inzwischen, dass al-Qaida "nie eine existentielle Gefahr" für die USA sein wird - mit oder ohne Bin Laden.

Das Time-Magazine erklärt, "warum Bin Ladens Tod keine Rolle mehr spielt": Dass die USA ein Symbol des globalen Dschihad ausgeschaltet hätten, helfe nicht weiter bei den Herausforderungen, vor denen die US-amerikanische Außenpolitik in Afghanistan, Irak, Ägypten und anderen muslimischen Ländern steht.

Kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 wäre es eine ausschlaggebende Wendung im Kampf zwischen USA und al-Qaida gewesen, Bin Laden zu fangen oder zu töten - heute aber sei es "kaum mehr als eine Fußnote der Geschichte". Inzwischen hätten Organisationen wie Hamas oder Hisbollah viel größeren Einfluss als al-Qaida. Bin Ladens Bewegung könne zwar "Dinge in die Luft jagen", habe es aber nicht geschafft, einen nachhaltigeren Kampf in Gang zu setzen.

Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira lobt die Geduld, mit der die amerikanischen Verantwortlichen im Vergleich zu anderen Militäraktionen vorgegangen sind, ohne auf schnelle Resultate zu spekulieren. Spezialkräfte hatten Osama bin Laden seit vergangenem August beobachtet. Nun müsse sich die US-Regierung daran machen, die Rahmenbedingungen zu beseitigen, die zu Terrorismus führen, etwa die israelische Besetzung der Palästinensergebiete.

Der britische Guardian macht sich Gedanken über die Nachfolge des toten Terrorchefs. Die Nummer zwei der al-Qaida, Ayman al-Zawahiri, sei zwar ein guter Stratege, aber lange nicht so charismatisch wie Bin Laden. Er könne diesen nicht als zusammenführende Person ersetzen. Eine Spaltung der saudi-arabischen, ägyptischen und libyschen Al-Qaida-Gruppen "ist wahrscheinlich".

Le Monde aus Frankreich sieht al-Qaida zwar auf dem absteigenden Ast, warnt aber vor den Folgen seiner Terrorjahre. Die Erkenntnis, dass kleine Terrorzellen mit Attentaten großen Schaden anrichten können, habe in Amerika und Europa zu einem Sicherheitswahn und der Einschränkung von Persönlichkeitsrechten geführt. Mit diesem Vermächtnis Bin Ladens sei man - auch nach seinem Tod - noch lange nicht fertig.

In der arabischen Welt hatte Bin Laden den Kampf schon verloren, heißt es in der italienischen La Repubblica. Mit Osama bin Laden sei der Protagonist einer Epoche gestorben, die längst vorüber sei. Bei den Revolutionen in Nordafrika habe al-Qaida keine Rolle gespielt, der Antiamerikanismus der Bewegung habe sich nicht ausgebreitet.

El País aus Spanien zieht eine Parallele zum Roman Moby Dick. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Osama bin Laden für viele das "grausame Monster", die Amerikaner verkörperten den rachsüchtigen Kapitän Ahab. Wie in der Walfänger-Geschichte hinterlasse nun das Ende des Monsters einen bitteren Nachgeschmack: "Als ob man aus unruhigem Schlaf aufwacht - und feststellt, dass der Albtraum weitergeht."

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