Integration und Medien Radioprojekt von Flüchtlingen für Flüchtlinge

Inhaltlich hat sich die Berichterstattung über Flüchtlinge seit den Neunzigerjahren stark verändert. "Studien haben gezeigt, dass damals vor allem mit negativem Kontext wie Kriminalität berichtet wurde", sagt Neuberger. Heute stelle man individuelle Schicksale dar, Reportagen verdeutlichten, was Menschen auf ihrer Flucht erleben. Längerfristig seien auch aktuelle regelmäßige Informationen für Flüchtlinge wichtig. "Und die Flüchtlinge selbst mitgestalten zu lassen."

Ein Radioprojekt, das genau das bereits seit einem Jahr macht, ist das Refugees Radio Network (RRN) aus Hamburg, dessen Programm komplett von Flüchtlingen organisiert und produziert wird. Die Leute von RRN gehen auch in die Unterkünfte und stellen ihr Programm vor.

Chefredakteur Larry Macaulay floh 2011 vor dem Bürgerkrieg in Libyen nach Lampedusa. "Als ich nach Europa kam, gab es keine Empathiewelle wie heute." 2014 kam Macaulay nach Deutschland. Da er bereits in seiner Heimat Radioerfahrung gesammelt hatte, gründete er in Hamburg das RRN.

Tourismus an Europas Grenzen

Menschen am Strand

Der Radiosender erreicht Flüchtlingscamps auf der ganzen Welt

Dessen Zielgruppe sind Flüchtlinge in Europa, im Nahen Osten und in Afrika, aber auch Deutsche. Im 24-stündigen Livestream werden vor allem auf Englisch Beiträge über Flüchtlingspolitik, Flüchtlingsgeschichten, afrikanische und arabische Musik gesendet, dazu kommen Sendungen bei Radiosendern wie FSK und Tide FM in Hamburg und Radio Alex in Berlin.

Über das Internet erreicht RRN Macaulay zufolge Flüchtlingscamps auf der ganzen Welt. Macaulay freut sich über die Zunahme journalistischer Angebote für Flüchtlinge, aber nur, wenn die Sender diese miteinbeziehen: "Flüchtlinge brauchen nicht immer jemanden, der für sie spricht. Sie können gut für sich selbst sprechen."

Berichte über Flüchtlinge nicht nur für die Imagepflege

Diesen Ansatz verfolgt auch Messages of Refugees, ein deutsch-englisches Radioprojekt des Bayerischen Rundfunks, in dem junge Flüchtlinge selbst zu Wort kommen. Die Redaktion wird von Macaulay beraten. In der ersten Folge berichtet Yasmin, die vor zwei Jahren aus Afghanistan kam, unter anderem vom Münchner Hauptbahnhof.

"Ich war ganz alleine, danach ist die Polizei gekommen und hat gefragt, was ich hier mache, es gab keine Dolmetscher." Die ersten zwei Folgen sind bereits online, mindestens ein Jahr lang soll jeden Monat eine neue hinzukommen und zusätzlich auf Bayern 2 ausgestrahlt werden.

Für Neuberger füllen die neuen Angebote eine Lücke: "Wir haben fast nur deutschsprachige Medien, die aus deutscher Perspektive berichten. Darum nutzt die türkische Bevölkerung in Deutschland zum Beispiel oft einfach ihre Heimatmedien", sagt er. "Allerdings ist bei einigen neuen Angeboten der PR-Effekt nicht unwichtig." "Flüchtlingsblase" nennt Macaulay das: "Momentan ist die Aufmerksamkeit hoch, Artikel und Beiträge über Flüchtlinge verkaufen sich gut. Aber man sollte die Flüchtlinge nicht für die Imagepflege benutzen."