Inszenierte Events:Misstraue dem Jubel

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Bereitete Bühne: Donald Trump verkündete seine Präsidentschaftskandidatur 2015 laut Hollywood Reporter vor klatschenden Statisten.

(Foto: Kena Betancur/AFP)
  • Donald Trump grüßt in eine gekaufte Zuschauermenge, Nicolas Sarkozy besucht nach der Größe gecastete Arbeiter: Politiker montieren oft die Wirklichkeit.
  • Nach dem Fall Relotius wurden Vorwürfe laut, auch Reporter würden die Protagonisten ihrer Geschichten casten.
  • Wie wahrhaftig aber kann Journalismus sein, wenn die Realität bereits montiert ist?

Von Adrian Lobe

Als Donald Trump am 16. Juni 2015 im Marmor-Interieur des Trump Tower in New York seine Präsidentschaftskandidatur verkündet, ist die Bühne für ihn bereitet. Unter den dröhnenden Rockmusik-Klängen von Neil Young ("Rockin' in the Free World") fährt Trump mit seiner Gattin die Rolltreppe hinunter zur johlenden Menge, flankiert von jubelnden Fans, die T-Shirts mit dem Slogan "Make America Great Again" tragen. Trump grüßt in die Menge, hebt den Daumen, neben dem von USA-Flaggen umkränzten Redner-Pult wartet seine Tochter Ivanka. Was der Zuschauer an den Bildschirmen nicht sieht: Es sind keine Trump-Anhänger, sondern bezahlte Schauspieler.

Die Trump-Kampagne hatte für das Event über die New Yorker Agentur Extra Mile Casting eigens Komparsen angeheuert. Das ergaben Recherchen des Hollywood Reporter. 50 Dollar erhielten die Laiendarsteller für ihren dreistündigen Einsatz. Einzige Teilnahmebedingung: Sie sollten T-Shirts tragen, Schilder in die Höhe halten und kräftig jubeln. Donald Trump betrat die politische Bühne also mit einem Fake.

In den USA gibt es professionelle Agenturen, die Statisten für PR-Veranstaltungen vermieten

Wenn man sich die Szene auf Youtube ansieht, merkt man, wie perfekt durchchoreografiert die Show ist. Wie ein Filmregisseur gibt Trump seiner Frau das Einsatzkommando, auf die Rolltreppe zu gehen. Mit ihrer strengen Mimik wirkt Melania wie eine Statistin. Die Dramaturgen überlassen nichts dem Zufall. Auf der Bühne dann ein Küsschen mit Ivanka, bevor Donald Trump ins Mikrofon ruft: "Wow, woho, das ist mal eine Gruppe von Menschen, Tausende!" Auch das: eine maßlose Übertreibung.

Es ist nicht das erste Mal, dass Politiker die Realitätsmaßstäbe zurechtrücken. Als der damalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, ein Meister der medialen Selbstinszenierung, 2009 das Werk eines Automobilzulieferers in Caligny besuchte, sollen die Arbeiter nach ihrer Größe vorab gecastet worden sein. Das jedenfalls hatte eine Fabrikarbeiterin gegenüber dem belgischen Fernsehsender RTBF behauptet.

Auch bei einem Auftritt Sarkozys 2010 bei einem Hersteller für Helikoptertriebwerke im südfranzösischen Bordes sollen Arbeiter nach ihrer Größe ausgewählt worden sein. Laut einem Bericht der Zeitung La République des Pyrénées sollen sich vor dem Besuch zwei Emissäre des Élysée-Palastes vor Ort begeben haben, um Mitarbeiter zu casten. Ein Ingenieur mit einer Körpergröße von 1,85 Meter wurde aussortiert. Kein Arbeiter sollte den Präsidenten, der 1,66 Meter messen soll und sich mit hohen Absätzen auf dem internationalen Parkett zuweilen etwas größer machte, überragen. Der Élysée-Palast dementierte die Berichte. Sie seien "albern und grotesk".

Nach dem Fall des Reporters Claas Relotius, der mit frei erfundenen Geschichten die Faktenchecker-Abteilung des Spiegels düpierte, wurden Vorwürfe laut, Reporter würden die Protagonisten für ihre Storys "casten". Wenig später wurde bekannt, dass auch der WDR Mitwirkende an Dokumentationen über Komparsenvermittlungen akquiriert hatte. Man begegnete also der Wirklichkeit im übertragenen Sinne mit einer Art Drehbuch. Es ist wohl überflüssig zu betonen, dass sich jedes journalistische Genre an Fakten und nicht an Fiktion zu orientieren hat. Doch wie wahrhaftig kann Journalismus sein, wenn schon die Wirklichkeit vor Ort montiert ist?

In den USA gibt es eine Reihe professioneller Agenturen wie "Crowds On Demand", bei denen man gegen Bezahlung Schauspieler für PR-Veranstaltungen engagieren kann. "Wir organisieren Ihre Kundgebung und können die mediale Aufmerksamkeit für Ihr Anliegen und Ihre Kandidaten organisieren", wirbt die Agentur auf ihrer Webseite. Gegründet wurde die Agentur vom ehemaligen AOL-Reporter Adam Swart. Nach eigenen Angaben soll eine ausländische Regierung die Dienste von "Crowds on Demand" in Anspruch genommen haben, um für ein neu gewähltes Staatsoberhaupt einen "positiven Empfang" bei der UN-Vollversammlung zu bereiten. Warum Leute überzeugen, wenn man sie auch kaufen kann?

Das Boulevardblatt New York Post fand heraus, dass der skandalumwitterte Kongressabgeordnete Anthony Weiner bei "Crowds on Demand" Claqueure für 15 Dollar pro Stunde anheuerte, um seine Wahlkampfauftritte bei seiner Bewerbung um das Bürgermeisteramt in New York 2013 aufzumotzen. Dabei ist gekaufter Protest kein neues Phänomen.

Man denke an die "Jubelperser", die beim Staatsbesuch des Schahs Mohammad Reza Pahlavi und seiner Frau am 2. Juni 1967 in West-Berlin vom iranischen Geheimdienst angeheuert wurden. Die Frage ist, in welchem Maß die Öffentlichkeit durch solche Szenen manipuliert wird. Inwiefern schafft man damit Anliegen Gehör, die sich sonst nicht so lautstark artikulieren würden? Und was ist schlimmer: Ein Fake-Bericht im Netz oder ein Fake-Event vor Ort?

Der US-Energieversorger Entergy musste im vergangenen Jahr einräumen, über eine Subfirma bei "Crowds on Demand" 100 Leute angeheuert zu haben, die bei einer Anhörung im Gemeinderat von New Orleans für den Bau eines lokalen Kraftwerks trommeln sollten. Laut einem Bericht des Investigativ-Portals The Lens, das den Skandal enthüllt hat, sollen die Fake-Demonstranten 60 Dollar erhalten haben, wenn sie in die öffentliche Sitzung mit einem orangen T-Shirt gingen und den Bau unterstützten. 200 Dollar gab es für einen Redebeitrag für das Kraftwerk. Dafür mussten die Laiendarsteller eine Stillschweigevereinbarung unterzeichnen. Die Versammlung sah auf den Bildern gekauft aus. Eine Stadträtin, die als einziges Ausschussmitglied gegen den Bau stimmte, sagte, dies habe "einen gewaltigen Einfluss auf die öffentliche Meinung gehabt".

Gewiss, jede Pressekonferenz, jeder Parteitag und jede Aktionärsversammlung ist ein Stück weit durchchoreografiert: Es gibt eine Art Drehbuch, eine festgelegte Sitzordnung etwa - sowie eine Dramaturgie, um die Veranstaltung auf einen Höhepunkt zulaufen zu lassen. Man darf jedoch berechtigterweise annehmen, dass es sich beim Publikum in der Regel um echte Journalisten, Funktionäre und Analysten handelt.

Die Frage ist, was es für die journalistische Praxis bedeutet, wenn solche Fake-Anhänger ungefiltert Eingang in Zeitungen und TV-Beiträge finden. Erfüllt man seine Chronistenpflicht bereits, wenn man die Veranstaltung dokumentiert? Oder macht sich der Journalist zum Erfüllungsgehilfen einer PR-Kampagne, indem er die geskriptete Realität durch sein Medium bricht und als Tatsache darstellt? Wie soll man wahrhaftig berichten, wo die Realität immer fiktionaler wird?

Zumindest bei den genannten Fällen war das investigativjournalistische System insofern funktional, als die Wahrheit über den Schwindel ans Licht kam. Doch womöglich gibt es ein größeres Dunkelfeld nicht aufgedeckter Fälle, gerade vor dem Hintergrund, dass US-Lokalzeitungen reihenweise schließen und es in der Fläche an einer Prüfinstanz fehlt.

Der Journalist und Dozent Al Tompkins, der beim amerikanischen Medieninstitut Poynter forscht, sagt auf Anfrage: "Ich habe Zweifel, dass so etwas häufiger vorkommt, aber es gibt Abweichungen, die genauso toxisch sind. Internationale Journalisten, die ich in den vergangenen Jahren ausgebildet habe, erzählen mir, dass es nicht unüblich ist für einen Parteichef, Menschen dazu zu zwingen, zu einer politischen Veranstaltung zu erscheinen." Es werde vor allem dann ein wichtiges Thema, wenn sich Journalisten bei der Berichterstattung auf Videos oder Bilder aus dem Publikum stützen, die sie selbst nicht mit eigenen Augen gesehen haben. Die alte Weisheit "seeing is believing" habe keine Gültigkeit mehr.

Tompkins rät Reportern vor Ort, Menschen zu befragen, ob sie bezahlt wurden, warum sie da seien und wie ihr Name laute. Bei den gekauften Claqueuren in New Orleans sei eines der ersten Indizien gewesen, dass die Leute ihren Namen nicht nennen wollten. Wenn sich herausstellt, dass es sich um einen Fake handelt, dann sei das aber auch eine Story, sagt Tompkins.

Der Journalismus-Professor Edward Walker von der University of California hält die inszenierten PR-Aktionen ebenso für problematisch. "Es ist relativ verbreitet, dass Events, bei denen bezahlte Anhänger involviert sind, nicht identifiziert werden, und das ist der Grund, warum Firmen wie 'Crowds on Demand' im Geschäft bleiben", sagt er. Die Praxis schaffe ein "Vertrauensproblem" für Vereine und politische Vereinigungen. Letztlich hilft also nur eines: Recherche. Und ein gesundes Misstrauen gegenüber jubelnden Menschenmengen.

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