Süddeutsche Zeitung

Ingeborg-Bachmann-Preis im Fernsehen:Diese Zumutung muss sein

Die Tage der deutschsprachigen Literatur sind ein Fossil des Fernsehens - aber auch eine Castingshow par excellence. Während DSDS und GNTM an ihrem Konzept herumdoktern, funktionieren die TDDL immer noch gut - nach altbewährtem Muster.

Von Kathleen Hildebrand

Er ist gerettet. Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, der in Klagenfurt nur der "Bewerb" heißt - wie immer im Österreichischen eine Spur neben dem Hochdeutschen - bleibt dem Fernsehen erhalten. Die erlösenden Worte sprach am Sonntagmorgen ORF-Intendant Alexander Wrabetz und danach wurde das Hochamt des Literaturjahres so erleichtert begangen wie wohl noch nie zuvor. Der große Vorsitzende der Jury, Burkhard Spinnen, hielt eine für seine Verhältnisse bemerkenswert kurze Abschlussrede und grüßte an deren Ende sogar seine Mutter.

Doch was haben sie da eigentlich für ein merkwürdiges Fernsehfossil erhalten, all die Kulturbetriebsmenschen, die aufgeschrien hatten in den vergangenen zwei Wochen, als der Wettbewerb vor dem Aus stand?

Drei Tage lang anstrengende Texte lesen

Eigentlich war ja nicht die Gefährdung des Wettbewerbs verwunderlich, sondern dass es ihn überhaupt noch gibt. Dass nicht schon längst ein Programmchef die Kameras ausgeschaltet und den Bewerb zur Kärntner Lesebühne degradiert hat mit den Worten: "Macht ihr mal eure Hochliteratur, aber die Masse wollt ihr doch damit nicht belästigen."

Denn drei Tage lang anstrengende Texte vorlesen und sie dann ausgiebig diskutieren zu lassen von sieben Menschen, die nicht Reich-Ranicki heißen und deren Legitimation sich nur noch älteren Deutschlehrern erschließt - das ist nach Fernsehmaßstäben nichts anderes als eine Zumutung.

Literatur als Netzevent

Und doch sahen Menschen in 60 Ländern und auf fünf Kontinenten den Wettbewerb an. Es soll Leute geben, die sich für Bachmann Urlaub nehmen. Nicht, um hinzufahren, sondern um die 3sat-Übertragung anzusehen. Und auch Menschen, die im Büro den Live-Stream laufen lassen, oder die, wenn auch das nicht geht, sehnsüchtig twittern, dass sie ja leider arbeiten müssen, Hashtag #tddl - Tage der deutschsprachigen Literatur.

Eine Castingshow par excellence

Um die 25 Tweets liefen pro Minute ein, wenn man #tddl auf Twitter verfolgte. Am Donnerstag, dem ersten Lesetag, landete der Hashtag auf Platz zwei der deutschen Twitter-Trends, direkt nach #Snowden. Am Freitag schaffte er es zwischenzeitlich bis auf Platz drei und überholte in der Anzahl der Kommentare den #Frauentausch.

Vielleicht lag das daran, dass in den diesjährigen Texten ein paar Penisse vorkamen, viel Schamhaar und enge Leggings an dicken Mädchen. Als hätten die Autoren mit viel Sex mithelfen wollen, den Wettbewerb im Fernsehen zu halten. Ein anderer Grund war sicher, dass die Autoren mittlerweile auch auf Twitter rekrutiert werden.

Keine Opferlämmer mehr

Dort sind Anousch Müller und Nadine Kegele Stars und wurden wohl auch deshalb zum Wettbewerb eingeladen, um mal längere Texte vorzutragen. Die beiden twitterten aus Klagenfurt über ihre Aufregung und über ihren Seelenzustand, nachdem die Jury sie zerpflückt hatte. So kamen sie endlich aus der traditionellen Bachmann-Autoren-Rolle des Opferlamms heraus, das auf dem Altar der Hochliteratur geschlachtet oder geschont wird.

Denn der Wettbewerb ist eine Castingshow par excellence. Die Autoren zeigen sehr viel von sich, indem sie ihre Texte selbst vorlesen, und sind danach dem oft harschen Urteil einer Jury ausgesetzt, die über ihren Erfolg entscheidet. Damit ist die Veranstaltung eigentlich ganz schön Mainstream: Wollte sich heute jemand ein Format überlegen, um Literatur unterhaltsam zu präsentieren - er oder sie käme wohl auf den Bachmannpreis.

Literatur ist mehr als Geschmackssache

Die spätabendlichen Literatursendungen, die es sonst so gibt, kommen auch in ihren besten Denis-Scheck-Momenten nicht über das Konsumratgeberhafte hinaus: Kaufen Sie dieses wunderbare Buch, aber überlassen Sie jenes besser den dümmlichen Bestsellerlistenmenschen.

In Klagenfurt hingegen wird die Literatur als das ernst genommen, was sie ist: als eine gesellschaftliche Angelegenheit. Als Auseinandersetzung mit der Welt und nicht einfach als bloße Geschmackssache oder Unterhaltung für Tage am Hotelpool.

Ein Programmplatz ist immer auch ein Statement: Was im Fernsehen läuft, das könnte einen zumindest interessieren. Gerade die Öffentlich-Rechtlichen müssen nicht nur zeigen, was angeblich alle sehen wollen - sie können zeigen, was es sonst noch so gibt. Die Tage der deutschsprachigen Literatur sind eine Zumutung, die unersetzlich ist.

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