Im Radio Unsterblich

Starb laut Geschichtsbüchern im April 1945 in Berlin: Adolf Hitler.

(Foto: SZ Photo)

Die satirische Serie "Akte 88" sammelt haarsträubende Theorien zum Überleben Adolf Hitlers.

Von Stefan Fischer

Drei unterschiedliche Tode stirbt Adolf Hitler in der urkomischen und in mehrfacher Hinsicht schlauen Radioserie Akte 88. Totzukriegen ist er nicht. Dass Hitler sich nicht erschossen hat, sondern im Frühjahr 1945 aus Berlin fliehen konnte, gehört zu den am weitesten verbreiteten und am stärksten verästelten Verschwörungstheorien. Etliche davon referieren Walter Filz und Michael Lissek, Feature-Redakteure beim SWR, in Akte 88.

Das ist an Absurdität unübertrefflich. In der vierten Folge etwa entwirren die zwei Autoren den England-Strang: Demnach wurde Hitler bereits 1912 vom britischen Geheimdienst als Spion angeworben, einige Zeit lebte er in Liverpool. Yellow Submarine von den Beatles sei insgeheim eine Hommage an Hitlers Begeisterung für U-Boote. Wobei man bedenken müsse, dass Theodor Adorno der Texter der Band war (zwei Tage nach Adornos Tod wurde das Cover-Foto für das Beatles-Album Abbey Road geschossen, danach war notgedrungen bald Schluss mit der Band).

Filz und Lissek haben Vergnügen daran, sich über diese Spinnereien lustig zu machen. Sie schrecken vor Kalauern und Klamauk nicht zurück - so lassen sie eine Figur bereits in den späten Vierzigerjahren die Melodie von Yellow Submarine pfeifen. Akte 88 ist selbst Satire, die viele kabarettistische Szenen enthält, in denen eine von Franziska Wanninger so einfältig wie präpotent gespielte Eva Braun das große Wort führt, während sie ihren geliebten Dolfi nach 1945 von einem Winkel der Erde in den nächsten scheucht. Der Ricky-Nelson-Schmachtfetzen I will follow you ist der Titelsong der Serie, in der mit großer Findigkeit Popmusik eingesetzt wird, um Fakten und Fiktionen zu kommentieren.

Denn darum geht es in Akte 88 tatsächlich: eine Haltung zu entwickeln. Zu der Frage etwa, warum wir uns bis heute so verbissen an der Figur Hitler abarbeiten. Ähnlich lang wie die Liste der Orte, an denen Hitler nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt haben soll, ist die der Schauspieler, die ihn dargestellt haben: Auch diesseits abstruser Verschwörungstheorien haben wir ein immenses Bedürfnis, uns Geschichten rund um Hitler auszumalen.

Akte 88 ist nicht zuletzt der Versuch, in der Zeit des Postfaktischen die Wahrheit von der Lüge zu trennen. Mit den Mitteln der Komik, die bis zu einer perfiden Bösartigkeit reicht. Diese Komik ist gewollt selbstentlarvend - Filz und Lissek verstehen sich auf Selbstironie, sie machen sich auch lustig über den Subjektivitätsdrang von Podcasts und den Drang zur Heiterkeit. Es wäre jedoch ein Fehler, die Serie nicht ernst zu nehmen.

Akte 88 - Die tausend Leben des Adolf Hitler, SWR 2, als Radioserie in zehn Teilen je 15 Minuten ab 17.9. werktags, 19.40 Uhr. Als Zweiteiler am 23. und 30.9., 14.05 Uhr. Podcast ab 17.9. verfügbar.