Im Gespräch: Olivier Toscani Warum wir Bilder nicht lesen können

Toscani: Ich glaube nicht, dass Photo for Life eine typische Castingshow ist. Wir sind eher ein Meisterkurs der Fotografie. Die Kandidaten kommen nicht her, um ihr Talent zur Schau zu stellen, sondern um es auszuarbeiten. Wir diskutieren in der Sendung, was Fotografie ist, kann und soll. Wir diskutieren jedes Bild. Es gibt keinen klassischen Sieger am Ende.

"Revolution geht nur, wenn du Teil eines Systems bist. du musst es von innen aushöhlen": Fotograf Oliviero Toscani, Archivbild von 2004.

(Foto: Jaques Brinon)

SZ: Wenn eine Talentshow ohne einen Sieger produziert wird, muss es Arte sein.

Toscani: Das mag sein. Ich habe jedenfalls nur mitgemacht, weil es Arte ist. Eigentlich ist es meiner Meinung nach unmöglich, Kultur und Fernsehen zusammenzubringen. Beides sind Gegensätze. Fernsehen macht aus Menschen Idioten. Deshalb bin ich eigentlich für die Abschaffung des Fernsehens. Alles im TV wird vulgärer, nur Arte widersetzt sich dem. Deshalb mag ich den Sender.

SZ: Welche Aufgaben stellen Sie den Kandidaten?

Toscani: Zunächst müssen sie ein Selbstporträt machen. Dann sollen sie Porträts von Menschen in Berufen schießen, vom Anwalt bis zum Bauarbeiter. Und sie sollen ihren eigenen Schatten fotografieren. Das ist schwierig. Um deinen Schatten zu fotografieren, musst du in die Sonne oder vor ein Licht. Dann musst du dich bewegen, während du fotografierst. Du musst über Perspektiven nachdenken, über die Größe des Schattens, über die Umgebung. So ein Schattenfoto zeigt, wie man sich der Welt präsentieren will.

SZ: Werden die Bewerber auch politische Werbemotive produzieren, wie Sie es einst für Benetton taten?

Toscani: Nein, sie sollen nicht explizit Bilder für die Werbung produzieren, sondern für redaktionelle Beiträge. Es ist egal, ob sie in die Werbung wollen oder in den Journalismus. Es gibt nur eine Fotografie. Ein echter Fotograf ist jemand, der aufs Leben schaut. Das ist die Berufsbeschreibung.

SZ: Das alles mag interessant für Fotografen und Journalisten sein. Aber wer sonst soll sich das anschauen - gerade wenn es noch nicht mal einen Sieger am Ende geben wird?

Toscani: Jeder. Denn jeder macht Fotos, in der Familie, im Urlaub, auch auf Festen. Aber kaum einer hat gelernt, wie man Fotos richtig macht. Genauso wenige haben gelernt, wie man sie sich anschauen sollte. Wir lernen in der Schule zwar das Alphabet, aber nicht, wie wir Bilder lesen können. Wenn du Fotos oder Fernsehen anschaust, solltest du aber wissen, wie du die Bilder entschlüsseln kannst. Andernfalls wirst du von den Medien beeinflusst. Und das ist meistens nicht positiv. Deshalb bin ich sicher, dass die Sendung ein Erfolg wird.

SZ: Was halten Sie von der heutigen Werbe- und Magazinfotografie?

Toscani: Die Fotografie von heute langweilt mich. Fast alle machen dasselbe. Fotografen sind doch nur noch Teil eines Marketingsystems, das ich hasse. Ich habe gelernt: Wenn du etwas erfolgreich machen willst, musst du das Gegenteil von dem tun, was die Marketingleute dir sagen. Diese Personen ruinieren die Gesellschaft. Sie glauben zu wissen, was die Öffentlichkeit konsumieren soll.

SZ: Sie haben von diesen Leuten lange profitiert.

Toscani: Ja, ich war Teil des Systems. Revolution geht nur, wenn du Teil eines Systems bist. Du musst es von innen aushöhlen. Das habe ich bei Benetton versucht. Aber das heißt noch lange nicht, dass das System mir gefallen hat.

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