Im Fernsehen Die unsichtbare Frau

Ist das wirklich Iris Berben? In der ZDF-Serie "Die Protokollantin" gibt sie eine unerhörte Heldin ab.

Von Claudia Tieschky

Gespenst der Vergangenheit: Wenn sie allein ist, erscheint Freya Becker (Iris Berben) ihre seit elf Jahren spurlos verschwundene Tochter Marie (Zoe Moore).

(Foto: Alexander Fischerkoesen/ZDF)

Es fällt nicht gleich auf, wie anders diese Serie ist, weil es anfangs so aussieht wie oft im deutschen Fernsehen, cooles Ermittlerteam, Berliner Großstadtnacht, und die bösen Jungs da draußen irgendwo.

Aber dann ist da Freya, die Protokollantin, eine Frau still und grau wie ein Schatten, der Schatten ragt sozusagen in die Gegenwart hinein, obwohl der Mensch irgendwo in der Vergangenheit zurückgeblieben ist. Die Vergangenheit ist ein verschwundenes Kind, eine wunderschöne tote Tochter, die kommt und mit ihr redet, wenn Freya allein ist. Seit elf Jahren. Auch die Wohnung der Tochter ist noch da, so als sei sie nur verreist. Im Gefrierfach dort liegt in eine Packung TK-Brokkoli eingebaut eine Pistole, bereit zum eiskalten Rachemord. Und manchmal holt Freya diese Pistole heraus.

Gibt es das heute eigentlich noch, Verhöre ohne Aufnahmegeräte, bei denen, unauffällig im Schatten und hinter ihrer Brille, eine Protokollantin mitschreibt? Falsche Frage. Warum ist das heute eigentlich noch so etwas Besonderes, deutsches Serienfernsehen mit so einer Figur im Mittelpunkt - einer nicht mehr jungen Frau, die nicht auf Liebe aus ist, aber trotzdem keine Tatort-Kommissarin. Mit einer alles dominierenden weiblichen Hauptperson, die man für verhärmt, aber gut hält, weil sie im Kommissariat dazugehört - eine zurückgezogen leidende Mutter. Ein paar Folgen später sieht man in ihr einen in der Halbwelt enorm versierten Outlaw, der mit unauffälliger Gründlichkeit morden lässt und mordet. Und erst buchstäblich im letzten dramatischen Moment wird das Bild von dieser Person vollständig, die eigentlich schon längst nicht mehr von dieser Welt ist. Wäre Freya ein Mann, könnte der späte Clint Eastwood übernehmen.

Die Idee zu der Figur der Protokollantin hatte der Schriftsteller Friedrich Ani, an dem Drehbuch hat Nina Grosse über einen Zeitraum von vier Jahren gearbeitet, wie sie bei der Premiere beim Münchner Filmfest erzählte. Sie hat sorgsam ein Geflecht von Nebenfiguren entworfen, die alle Geschichten, Bilder und Orte anlagern an Freyas Schattendasein und dem Zuschauer langsam eine Vorstellung davon geben, was vor elf Jahren geschehen ist - wer schuldig oder halbschuldig ist und warum Freya davon nicht loskommt. Warum sie nachts in dunkler Kleidung Leute verfolgt, mit verstellter Stimme der Polizei Hinweise gibt und den Sexualtätern, deren Verhöre sie protokolliert, zu dem Ende verhilft, das sie selbst gerecht findet.

Für ihre Rolle wurde Iris Berben mit viel Mühe so geschminkt, dass es ungeschminkt aussieht

Da gibt es Freyas reich gewordenen Bruder Jo, gespielt von Moritz Bleibtreu, der nach einer Escort-Agentur nun ein Szenelokal besitzt und dem eine ständige Angst auf den Schultern hockt. Es gibt einen Killer, mit dem Freya erstaunlich vertraut ist, sie treffen sich wortkarg wie alte Komplizen immer in derselben Wirtschaft am Tresen, sie in ihren Altfrauenkleidern, er mit geschorenem Kopf und einer beschützenden Sorge um sie. Die Mutter wird in Niederbayern beerdigt, jemand wird bald aus dem Gefängnis kommen, der wissen muss, was mit Freyas Tochter Marie damals geschah, als sie aus dem Zeugenschutzprogramm verschwand und wohl starb - die Handlung macht Sprünge und Ausflüge und bleibt doch immer ganz nah dran an den Mutmaßungen über Freya, die unsichtbare Frau.

Das neue Serienfernsehen achtet zuweilen darauf, keine Hauptrollen an Schauspieler zu geben, die beim Publikum schon zu sehr mit bestimmten Rollen verknüpft sind. Sie sollen mit der Serie zum Star werden - so wie Liv Lisa Fries und Volker Bruch in Babylon Berlin, wie Jonas Nay mit Deutschland 83. Im Fall von Freya Becker wiederum ist es so, dass man nach einer Weile vergisst, dass in dieser grauhaarigen, verhuschten Frau die Schauspielerin Iris Berben steckt. Viel Mühe wurde offensichtlich darauf verwendet, die Berben so zu schminken, dass es ungeschminkt aussieht. Ist das geschickte Tarnung, fragt man sich gelegentlich, wenn man Freya Beckers Grauheit betrachtet, ihre Büroröcke und Strickwesten unbestimmter Farbe, die altmodischen Schuhe, mit denen sie vor der Ampel am Tempelhofer Damm steht, ins Leere schaut und vergisst, bei Grün loszugehen. Aber ihre Teekanne trägt sie mit so einer Haltung durch den Büroflur, wie man eine teure Handtasche hält. Diese Frau ist ins Alter geflohen. Und dann erlebt man, wie sie endlich aus dem Schatten tritt.

Eine junge Polizistin kommt ihr auf die Spur - Frau gegen Frau, sowas soll es geben

Wenn man mal als Konstante nimmt, dass in einem ordentlichen Gangsterfilm immer ein paar (üblicherweise weibliche) Nebenparts dem Helden im Thriller seinen Schmelz geben, dann sind das hier die tollen Schauspieler Johannes Krisch, Mišel Matičević und vor allem Peter Kurth, die um die Protokollantin herum sozusagen als schmückendes männliches Beiwerk die schöne, böse Welt dieses Thrillers aufziehen. Bemerkenswert ist auch, wie eine weitere weibliche Figur von völlig anderer Temperamtslage zur Hauptgegenspielerin wird: die Polizistin Anne Liebig (Katharina Schlothauer) fällt durch Berliner Direktheit und großen Ermittlerehrgeiz auf; sie bringt eine nicht unangenehmer Schnoddrigkeit mit zwischen all den verlorenen und halbverlorenen Gestalten. Sie kommt Freya auf die Spur - Frau gegen Frau, so etwas soll es geben.

Allerdings blitzt die gescheite Anne schwer ab beim Versuch, den neuen Chef Henry Silowski schnell und unkompliziert ins Bett zu ziehen. Silowski ist brillant, aufbrausend, und auch einer von den Schwermütigen. Er darf dann, so viel kann man verraten, Freya so nah kommen, dass es beinahe so aussieht, als könnte er sie aus der Vergangenheit herüberziehen. Das bahnt sich langsam an, Silowski kennt Freyas Geschichte und müsste eigentlich Verdacht schöpfen. Doch Peter Kurth, der schon in Babylon Berlin als böser Cop Bruno Wolter herausragend spielte, ist hier mit seiner ganzen massigen Körperlichkeit ein Liebender, der die allervorsichtigste Zärtlichkeit aufbringt und die größte Verletzlichkeit. Es sind Momente, in denen Freya aus ihrem unbestimmbaren Alter zurückkehrt in den kurzen Stunden, in denen sie in diese Liebe hineinfällt. Erst da ermisst man wirklich, wie weit fort sie in Wirklichkeit bereits ist. Das mit Silowski geht vorbei. "Die Liebe ist nicht stärker als der Tod", sagt Freya. Und danach geht alles ganz schnell.

Die Protokollantin, fünf Folgen, ZDF, samstags, 21.45 Uhr, alle bereits in der Mediathek abrufbar.