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Illustrator Wieslaw Smetek:Mit naiven Augen die Welt sehen

Manchmal sagt ein Symbolbild mehr als tausend Worte. Künstler Wieslaw Smetek illustriert die Titelseiten großer deutscher Magazine - so erfolgreich, dass ihm eine Ausstellung gewidmet wurde.

Von Ruth Schneeberger, Hamburg

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Museum Kunstgewerbe Hamburg

Quelle: Wieslaw Smetek

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Manchmal sagt ein Symbolbild mehr als tausend Worte. Künstler Wieslaw Smetek illustriert die Titelseiten großer deutscher Magazine. So erfolgreich, dass ihm in Hamburg eine Ausstellung gewidmet wurde.

Wie verkauft man Tiefe oder Zeitlosigkeit auf einem Magazin-Cover, das die Menschen auf Anhieb ansprechen soll? Knackige Titel sind wichtig, müssen aber zum jeweiligen Produkt passen. Und es konkurrieren ja noch unzählige Mitbewerber mit teils reißerischen Aufmachern oder halbnackten Schönheiten um die Gunst der Leser am Kiosk. Ganz zu schweigen von der Konkurrenz aus dem Internet, dem Fernsehen, dem Radio. Gut also, wenn man einen Illustrator hat, der sich zumindest schon mal um das passende Bild kümmert.

Im Bild: Mona Lisa mit Kopftuch, Illustration zum Thema Islamisierung in Deutschland, veröffentlicht im Magazin "Dialog", 2005

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Quelle: Wieslaw Smetek

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Die Hamburger Medien haben einen Lieblingsillustrator: Wieslaw Smetek. Kaum einer kennt seinen Namen, doch die meisten seine Bilder. Hunderte von ihnen zieren seit 20 Jahren die Cover oder Artikel von Magazinen und Zeitschriften wie Spiegel, Stern oder Zeit.

Im Bild: "Auf in den Kampf!" "Zeit"-Titel September 2006

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Quelle: Wieslaw Smetek

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1955 in Polen geboren, ließ sich Smetek zunächst zum Maler ausbilden und kam 1990 über ein Künstlervisum nach Deutschland. Eigentlich wollte er für eine Ausstellung nur ein paar Monate lang bleiben. Doch er war sich mit seiner Frau und den beiden Töchtern bald einig: Wir wollen nicht wieder weg. Also suchte Smetek sich ein neues Betätigungsfeld - und bewarb sich einfach direkt bei den führenden Magazinen als Illustrator.

Die Vorstellungsgespräche bei Stern und Spiegel hatte er am selben Tag. Er überzeugte beide, 1999 kam die Zeit hinzu, die von da an immer öfter auch mit großen Illustrationen und der Ausdruckskraft von Titelbildern arbeitete. Schließlich folgten Cicero, GEO und neben vielen anderen auch die Süddeutsche Zeitung. Bis heute arbeitet der Wahl-Hamburger freiberuflich.

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Quelle: Wieslaw Smetek

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Zu seiner Arbeitsweise befragt, sagt der Künstler: "Ich glaube, es ist eine Mischung aus Talent, Spontaneität, Instinkt und Ideenreichtum. Meistens muss es schnell gehen. Ich bin ein Sprinter, ein Hektiker, Druck ist meine Inspirationsquelle." Oft habe er nur vier Stunden Zeit für ein Cover, vom Auftrag bis zur Fertigstellung.

Der Autor und Literaturwissenschaftler Tomasz Kurianowicz, der mit Smetek befreundet ist, erklärt dazu im Ausstellungskatalog: Wer den Leser immer wieder überraschen und mit neuen Perspektiven aufrütteln wolle, müsse sich, wie Smetek, "den frischen Blick bewahren; er will auf die Welt mit naiven Augen schauen. Wenn man seine Illustrationen studiert, dann erkennt man sofort: Smetek sieht die Realität anders - verspielt, flexibel, dehnbar. Manchmal eben wie ein Kind".

Im Bild: "Arabien steht auf", "Zeit"-Titel Februar 2011

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Die Zeit ist inzwischen Smeteks Hauptauftraggeber. Zur Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe erschien im Propaganda-Verlag der Katalog "Smetek für DIE ZEIT" (55 Euro). Darin erklärt Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, warum Smeteks Vorschläge im Wettbewerb mit unzähligen weiteren Illustratoren so oft ausgewählt werden: "Ich kenne niemanden sonst, dem so schnell etwas so Eindrückliches einfällt, zu nahezu jedem Thema aus Politik, Wirtschaft, Wissen, Kultur und Gesellschaft."

Im Bild: "Pharmaindustrie" - Entwurf für "Die Zeit", 2011

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Quelle: Wieslaw Smetek

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Smetek hat sich vom reinen Zeichnen verabschiedet. Er vermischt Fotografie, Photoshop und digitale Bildbearbeitung so geschickt, dass für den Betrachter am Ende kaum nachvollziehbar ist, was echt und was inszeniert ist. Doch Smetek malt auch immer noch selbst. Die Ausstellung in Hamburg zeigt diese Schritte, vom zeichnerischen Entwurf bis zum fertigen Titelbild. Und der Besucher bekommt einen Eindruck davon, wieviel Arbeit von der Idee bis zum Cover nötig ist.

Im Bild: "Verführerisches Apple" - "Die Zeit - Glauben und Zweifeln", 2011

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Quelle: Döring, Jürgen Dr.; Wieslaw Smetek

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Smeteks Illustrationen wurden auch selbst schon zum Gegenstand der Berichterstattung. So wie dieses Stern-Titelbild von 2002 mit der Überschrift "Die nackte Wahrheit - Kann Schröder noch gewinnen?", das den damaligen Kanzler als Kaiser ohne Kleider zeigte. Darf man einen deutschen Bundeskanzler so malen, und ihn damit womöglich öffentlich der Lächerlichkeit preisgeben? Politiker empörten sich - für Smetek gehört es zu seiner Arbeit, dass sich auch mal jemand auf den Schlips getreten fühlt. Und sei es ein Bundeskanzler.

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Quelle: Wieslaw Smetek

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Ein anderes Mal zeigte Smetek Schröder als begossenen Pudel; deutsche Intellektuelle, Feministinnen, Literaten und Politiker jeglicher Couleur waren alle schon dran - die Ausstellung zeigt auch viele ältere Motive von vor allem Helmut Kohl und George Bush. Inzwischen ist es Angela Merkel, die Smetek in immer neuen Ausprägungen zu zeichnen hat. Wie hier als Glucke, umringt von ihren Küken (für den Cicero-Titel "Die Glucke", 2012).

Museum Kunstgewerbe Hamburg

Quelle: Wieslaw Smetek

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Abgesehen aber von Politiker-Karikaturen, die viele können, ist Smetek vielleicht sogar dann am besten, wenn es um das große Ganze geht, nicht nur um einzelne Köpfe. Wie bei dieser Illustration des sozialen Netzes, aus dem immer mehr Deutsche herausfallen (für den Stern, 1996), und das zugleich von vielen anderen immer noch als Hängematte gesehen wird. Oder wie bei vielen weiteren gesamtgesellschaftlichen Themen, von Pharma-Lobbyismus über Volksrankheiten wie Alzheimer bis zu Bedrohungen aus dem Netz. Dann also, wenn klassischerweise ein Foto nicht ausreicht, um ein Thema abzubilden, kann Smetek mit seiner Kenntnis der Kunstgeschichte und der Malerei die entscheidenden Verknüpfungen liefern, die dem Betrachter auf den ersten Blick punktgenau klarmachen, worum es geht - und trotzdem eine ganze Geschichte erzählen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. August im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu sehen, weitere Infos hier.

© SZ.de/rus/mkoh/sekr

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