bedeckt München 21°

Illner-Talk zu Terrorangst bei der EM 2016:Angst essen Sendung auf

Andre Schulz Bundesvorsitzender Bund Deutscher Kriminalbeamter BDK Thomas Oppermann Fraktionsv

Maybrit Illner und ihre Gäste (von links): André Schulz, Thomas Oppermann, Jochen Breyer, Guido Steinberg, Gila Lustiger und Ulrich Wickert

(Foto: imago/Müller-Stauffenberg)

Bei Maybrit Illner übertrumpfen sich die Gäste gegenseitig mit Schauergeschichten zu möglichen Anschlägen während der EM in Frankreich - nur ein SPD-Mann hat da nichts beizutragen.

Die Franzosen verstehen etwas von Macarons und Mode, von Savoir-vivre und Champagner - aber nichts von Sicherheitspolitik. So jedenfalls der Eindruck der Talkrunde. Maybrit Illners Haus- und Hof-Terrorismusexperte und Islamwissenschaftler Guido Steinberg fasste den Kern des EM-Dilemmas in einem Satz zusammen: "Die Franzosen sind in Sicherheitsfragen beratungsresistent - zumindest aus Deutschland."

Terror in Paris Ausnahmezustand in Frankreich soll auch während Fußball-EM gelten
Angst vor Terror

Ausnahmezustand in Frankreich soll auch während Fußball-EM gelten

Er ist seit den Pariser Terroranschlägen im November in Kraft und wäre eigentlich Ende Mai ausgelaufen.

Die Zusammenarbeit mit den französischen Behörden sei schwierig, die deutsche Regierung werde in der Sicherheitspolitik nicht ernstgenommen. Die Schuldigen hat Steinberg schnell benannt: "Viele Dinge, die eigentlich in den Neunzigern hätten besprochen werden müssen, als Schengen und Dublin verabschiedet wurden, sind einfach nicht gemacht worden. Da haben Politiker sich um die große Vision gekümmert, aber die Hausaufgaben, die das mit sich bringt, nicht gemacht. Das ist jetzt alles viel zu spät."

Ist Frankreich also nicht in der Lage, einen Anschlag während der EM zu verhindern?

Es ist wie am Lagerfeuer - nur ohne Wald und Stockbrot

Getalkt wurde bei Illner zu dem Thema: "Frankreich im Ausnahmezustand: Zwischen EM-Fieber und Terror-Angst". Geladen waren TV-Journalist Ulrich Wickert, ZDF-Sportmoderator Jochen Breyer, Kriminalhauptkommissar André Schulz (Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter), die Schriftstellerin und Frankreich-Expertin Gila Lustiger und der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann.

Waren zu Beginn viele noch der Meinung, dass "man sich von den Terroristen nicht den Spaß an der EM verderben lassen sollte", wurden schnell Schreckensszenarien ausgemalt und detailverliebt beschrieben. Eigentlich die typische Lagerfeuer-Situation - nur ohne Wald und Stockbrot. Jedenfalls versuchten sich alle gegenseitig mit Schauergeschichten zu übertrumpfen. Anschlagspläne und Attentate von früher und heute, Drohungen von IS-Sprechern, Warnungen vor unentdeckten Komplizen, die Unfähigkeit Frankreichs im Umgang mit seinen Dschihadisten, die Düsseldorfer Terrorzelle, die Kouachi-Brüder, britische Mittelstands-Terroristen und französische Banlieue-Problemkinder ... Wer der Runde länger zuhörte, dachte sich trotz bereits in der Kindheit gefestigtem Optimismus: Am besten bleibe ich jetzt vier Wochen zu Hause - versteckt unterm Bett.

Die Sicherheitslage habe sich durch "den unkontrollierten Flüchtlingsstrom" verschlechtert, wusste Steinberg, "der IS hat die Gunst der Stunde genutzt, als Westeuropa praktisch schutzlos war". Die Terrorgefahr sei akut, "gerade im Ramadan", so Steinberg. Oppermann ergänzte: "Der IS hat nicht nur die EM ins Visier genommen, er hat den ganzen Westen ins Visier genommen."

Der Sicherheitschef der WM 2006 in Deutschland, Helmut Spahn, hatte vor einigen Tagen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die mangelhafte Vorbereitung der Behörden vor Ort kritisiert: "In Frankreich herrscht noch immer das Verständnis der Grande Nation vor. Das heißt, man hat alles im Griff, braucht keinen Rat - das ist auch eine Mentalitätsfrage."

André Schulz, Sprachrohr von Deutschlands Kriminalbeamten, sah die Situation differenzierter als Steinberg und Spahn: "Der Austausch ist schwierig. Aber es steht mir nicht zu, den Franzosen Sicherheitsratschläge zu geben." Den 90 000 Sicherheitskräften stehen Schulz zufolge für die EM zwölf deutsche Polizisten zur Seite, mehr habe Frankreich nicht angefordert. "Bis Freitag durften die nicht mal eine Pistole mitnehmen, kein Deutscher darf bewaffnet in Paris sein."

Islamischer Staat Die Social-Media-Strategie des Islamischen Staats
Interview
Radikalisierung in sozialen Medien

Die Social-Media-Strategie des Islamischen Staats

Junge Menschen ziehen freiwillig in den Krieg für den Islamischen Staat. Welche Rolle spielen soziale Medien bei ihrer Radikalisierung? Ein Gespräch mit Humera Khan, die mit dem Think-Tank Muflehun Anti-Terror-Behörden berät.   Von Lutz Knappmann