"Ich und die anderen" auf Sky:Wünsch dir was

Ich und die Anderen - S1

In dieser Variante seines Lebens schimpft die schwangere Frau (Katharina Schüttler) nicht: Tristan (Tom Schilling) wird mit Liebe überhäuft.

(Foto: Sky)

In "Ich und die anderen" nimmt David Schalko eine egomane Gegenwart aufs Korn - und verhebt sich.

Von Kathleen Hildebrand

Die gute Fee ist ein Taxifahrer. Plötzlich steht er vor Tristans Wohnhaus, scheinbar unbestellt mit seiner schwarzen Mercedes-Limousine. Tristan (Tom Schilling) wundert sich, steigt aber ein, und was hier beginnt, ist keine Entführung, sondern ein irrer Trip, irgendwo zwischen Reise zur Selbsterkenntnis, Matrix-Simulation und in die Gegenwart verpflanztem Märchen.

In der neuen Serie des österreichischen Autors und Regisseurs David Schalko (Braunschlag, M - eine Stadt sucht einen Mörder) erfüllt der Taxifahrer Tristan nämlich jeden Wunsch, den dieser auf der Rückbank äußert. Einer, der erste, muss schon vor seinem Einsteigen erhört worden sein: "Ich will, dass ihr mich alle kennt!" Es ist wahr geworden: Alle wissen alles über ihn. Seit dem Aufwachen in seinem schicken Loft wird er bereits mit zornigen Textnachrichten von seiner schwangeren Frau bombardiert. Auch draußen gucken die Leute wütend, belustigt, enttäuscht, wenn er an ihnen vorbeigeht. Das Meeting mit Auftraggebern in der Agentur, für die er arbeitet, scheitert sofort: "Sie glauben Ihren Bullshit doch selbst nicht!" Dass das nicht richtig cool ist, hätte Tristan sich vielleicht denken können.

Die Handlung springt immer wieder wie mit einer Reset-Taste zurück

Der freundlich-strenge Taxifahrer revidiert das dann für ihn, aber Tristan bleibt bei der Fundamentalität seiner Wünsche: "Ich will, dass ihr mich alle liebt!" ist der nächste, aber die Musical-Cupcake-Welt, in die er dann versetzt wird, behagt ihm auch nicht so ganz. Tristan hadert mit dem Leben, mit den vielen Möglichkeiten und der Situation, in die er sich manövriert hat, bevor das Zauber-Taxi bei ihm hielt: Seine Frau Julia (Katharina Schüttler) hat er vor allem deshalb geheiratet, weil sie beim ersten Date von ihm schwanger wurde. Seine Taxi-Wünsche zielen deshalb vor allem darauf herauszufinden, was er sich eigentlich wirklich wünscht - ein konventionelles Familienleben mit Julia oder die Wiedervereinigung mit der geheimnisvollen, leicht verkrachten Jugendliebe Franziska (Mavie Hörbiger), die sich bald in seine Wunschwelt drängt. Klassisches Männerdilemma.

Weil dies keine Serien-Meterware, sondern ein ambitioniert absurdes Schalko-Werk ist, wird das freilich nicht einfach auf einen schönen Katharsismoment hin erzählt. Sky bewirbt Ich und die anderen als revolutionär. Als neues Seriengenre, als Beispiel für nicht lineares, ja für "diskursives" Erzählen. Die Handlung springt immer wieder wie mit einer Reset-Taste zurück, Nebenfiguren rücken plötzlich ins Zentrum, und nach dem nächsten Wunsch ist sowieso alles wieder anders. Dass das nicht jedem Zuschauer gefallen wird, ist den Machern klar. Die Serie ist ein Prestigeprojekt, die prominente Besetzung unterstreicht das. Aber es liegt nicht an der neuen Erzählweise, dass es trotz vieler Vorzüge nicht ganz aufgeht.

Schalko ist zu Recht berühmt für das, was er kann wie kaum ein anderer: Milieus präzise veralbern und mit absurden, surrealen Elementen überhöhen. Im legendären Braunschlag war es die österreichische Provinz. Hier ist es die narzisstische Großstadtwelt der digitalen Produktentwickler. Die Agentur, für die Tristan arbeitet, heißt "42!", nach der Antwort auf alles aus Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis". Lars Eidinger fährt als hypernarzisstischer Chef auf dem Hoverboard durch die verglasten Gänge, in seinem Büro liegt statt Teppich Sand auf dem Boden. David Schalko nimmt eine egomane Gegenwart aufs Korn, in der jeder ständig um sich und seine möglichst erfolgreiche Identitätskonstruktion kreist.

Ich und die Anderen - S1

Dass die Mutter (Sophie Rois) sich noch regelmäßig auf ihr ausgestopftes Lieblingspferd setzt, ist nicht das einzig Schrullige an Tristans Eltern.

(Foto: Sky)

In Ich und die anderen aber sieht man, anders als in Braunschlag, vor lauter lustigen Ideen spätestens ab Folge vier den Plot nicht mehr, ob linear erzählt oder nicht. Die Serie hat keinen Halt, wird ständig weiter entgrenzt. Von einem Mädchen, das nicht mehr spricht und in Tristan einen Erlöser sieht, von Einblicken in die ach so verrückte Wiener Kunstszene, in der zwei Lesben mit wie Penisse umgeschnallten Langmessern in der Disko morden, von LSD-Trips und unvermittelten Bildern wie aus dem Regietheater, zu denen niemand je zurückkehrt.

Dass Sophie Rois und Martin Wuttke Tristans zum Schreien komische Eltern spielen, wird da fast zur Verschwendung: ein Altachtundsechziger-Künstlerpaar, das ständig vom Hauptmotiv auf des Vaters grellen Gemälden redet: seinem Penis, mit dessen Größe und genereller Wohlgeratenheit der von Tristan offenbar nicht mithalten kann. Ödipus, Freud - Männerdilemma. Mag sein, dass in der bereits geplanten zweiten Staffel alle irren Nebenstränge zur Auflösung finden. Aber für die ersten sechs Folgen wäre eine Familientherapie mit diesen beiden die klarere Form für diese Serie gewesen. Die unterhaltsamere auf jeden Fall.

Ich und die anderen, sechs Folgen, ab 29. Juli auf Sky.

© SZ/cag
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