Ibiza-Affäre:Sieben Stunden unter Hochspannung

Die Ibiza-Affäre - S1

Filmreife Recherche: Frederik Obermaier (gespielt von Patrick Güldenberg, l.) und Bastian Obermayer (Stefan Murr) beim Sichten des Materials. Im Hintergrund Informant "Julian" (Nicholas Ofczarek).

(Foto: Petro Domenigg/Sky Deutschland/W&B Television/epo film)

Anfang 2019 sichtete das Investigativ-Team der SZ das Video, das HC Strache die Karriere kostete.

Von Frederik Obermaier und Bastian Obermayer, München

Oida, der Ton! Er ist streckenweise miserabel. Drei Männer und zwei Frauen diskutieren und feilschen, flüstern und schimpfen, plustern sich auf, tun wichtig und sind genervt, und sind sich dann doch wieder gut. Auf Englisch, auf Russisch und auf Wienerisch: Welcome to Ibiza!

Heute kennt - zumindest in Österreich - jedes Kind die Szenerie: Da sitzt der damalige FPÖ-Vorsitzende Heinz-Christian "HC" Strache in einem besseren Unterhemd - "Ruderleiberl" sagen die Österreicher angeblich dazu - auf einer Couch in einer Finca auf Ibiza, neben ihm der Wiener Vizebürgermeister Johann "Joschi" Gudenus und dessen Frau, und sie verhandeln stundenlang mit einer vermeintlichen Oligarchennichte und deren Berater. Rauch hängt in der Luft, auf dem Tisch stehen erst volle, dann leere Wodka- und Schampus-Flaschen, dazu ausreichend Red Bull. Und dann geht es um Staatsaufträge, Parteispenden, die Boulevardzeitung Krone, um sehr viel Geld und vor allem: um Macht.

Es ist der Anfang vom politischen Ende des HC Strache - und inzwischen also Stoff für eine eigene TV-Serie.

Wer diese sieben Stunden heimlich aufgenommenes Videomaterial aber in einem eher schmucklosen Zimmer transkribiert, so wie es fünf Reporterinnen und Reporter der Süddeutschen Zeitung Anfang 2019 getan haben, für den ist das große Drama nicht sofort ersichtlich. Der für den österreichischen Politiker so verhängnisvolle Abend des 24. Juli 2017 begann, als die Sonne sich gerade gen Horizont neigte. Strache stellt sich vor ("I'm the Red Bull brother from Austria"), schwärmt von Russland, macht Komplimente - es geschieht nur wenig Relevantes. "Das ist gut", sagt Strache einmal, ziemlich früh. Na ja.

Die fünf Reporterinnen und Reporter mit Kopfhörern drücken Play, spulen zurück, hören ein zweites Mal, ein drittes Mal

Allerdings ist schnell klar, dass dies kein harmloser Plausch im Urlaub ist. Schnell kommt das Gespräch auf die Macht, die Stimmung verändert sich und dementsprechend auch die Abschriften der Reporter, die das Video transkribieren. "Staatsaufträge zum Überpreis" steht da etwa, und der inzwischen (zumindest in Österreich) legendäre Satz Straches über die Absicht der angeblichen Oligarchennichte, die größte Zeitung des Landes zu übernehmen und zu seinen politischen Gunsten auszurichten: "Wenn sie wirklich die Zeitung übernimmt, zwei bis drei Wochen vor der Wahl uns zu pushen, dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34 Prozent!" Und wenn man dann die Macht habe, dann würde man drei, vier Journalisten "pushen", ein paar dazuholen, und drei, vier andere müssten dann eben abserviert werden. "Zack, zack, zack." Eine Medienlandschaft wie in Ungarn, das wäre doch was.

Ibiza-Affäre - Ausschnitt aus dem Strache-Video

Screenshot aus dem Original-Ibiza-Video mit dem damaligen österreichischen Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im Vordergrund und dem damaligen Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus (l.).

(Foto: Spiegel/Süddeutsche Zeitung/dpa)

Mit 34 Prozent bei den nationalen Wahlen im Herbst 2017 wäre - auch das muss man immer wieder sagen - HC Strache, der ehemalige Rechtsradikale, womöglich österreichischer Bundeskanzler geworden. Aber es kam anders, weil die Oligarchennichte die Zeitung ja nicht kaufen konnte - sie war ja selber gar nicht echt.

Auch die Stimmung im Abschriftenzimmer der Süddeutschen Zeitung verändert sich. Der kleine Raum im SZ-Hochhaus wird intern "das Kammerl" genannt, nur wenige haben Zutritt. Die fünf Reporterinnen und Reporter mit Kopfhörern drücken Play, spulen zurück, hören ein zweites Mal, ein drittes Mal, und tippen dann in die Tastaturen. Bei spektakulären Funden werden Kopfhörer runtergerissen, und die Aufmerksamkeit der anderen wird auf bestimmte Szenen gelenkt: Wahnsinn, hört euch mal die Minute ab 3:40 an!

Allen im Raum ist bewusst, dass diese Bilder in die österreichische Zeitgeschichte eingehen könnten

Allerdings: Die Aufregung in diesen sieben Stunden steigt nicht linear, Strache und Co. sind früh bei den wichtigen Themen angekommen und umkreisen die dann wieder und wieder. Es ist eine sehr sehr lange und zähe Verhandlung, und obwohl das Lager der Russin sehr klar ausdrückt, dass es sich handfeste Korruption wünscht, bleibt Strache sitzen. Wieder und wieder sagt er zwar, es müsse alles rechtskonform und legal sein - und bietet dann aber, fast im nächsten Atemzug, wieder Dinge an, die genau das eben nicht sind.

Zum Beispiel die Sache mit Staatsaufträgen: Da schlägt Strache allen Ernstes vor, dass eine Regierung mit Beteiligung seiner Partei der angeblichen Russin staatliche Bauaufträge zuschustern könne, mit künstlich überhöhten Preisen.

Oder die Parteispenden: Strache skizziert auf Ibiza, wie man diskret an die FPÖ spenden könne, vorbei am Rechnungshof - und zwar über einen Verein, der sei "gemeinnützig, der hat nichts mit der Partei zu tun". Etliche reiche Gönner und Unternehmer würden es so machen. Tatsächlich sind österreichische Ermittler seither auf etliche Spenden österreichischer Industrieller an FPÖ-nahe Vereine gestoßen.

Wenn gerade nichts Relevantes zum Protokollieren zu hören ist, schaut man Strache zu, wie er auf seinen Fingernägeln kaut, um sich dann schon wieder über die angebliche Homosexualität politischer Kontrahenten auszulassen, vom Geldverdienen ohne Steuern ("geil, geil") zu schwärmen oder von der vermeintlichen Russin ("Bist du deppert, die ist schoarf"). Dass irgendjemand illegale Drogen nimmt - das wiederum ist dezidiert nicht zu sehen.

Das echte Ibiza-Video anzusehen, war also kein großer Spaß und auch keine aufregende Unterhaltung. Über längere Strecken war es ehrlich gesagt eher eine Qual, weil man konzentriert bei der Sache bleiben musste. Gleichzeitig war allen im Raum bewusst, dass die Bilder des Wohnzimmers aus Ibiza das Zeug hatten, als Belege einer bestimmten Geisteshaltung Einzug in die österreichische Zeitgeschichte zu halten. Aber die Bilder gingen ja auch. Nur der Ton, der war echt anstrengend.

Frederik Obermaier und Bastian Obermayer haben gemeinsam mit Leila Al-Serori, Oliver Das Gupta und Peter Münch die Ibiza-Affäre für die SZ recherchiert.

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