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"I'll Be Gone in the Dark" auf Sky:Voyeurismus von allen Seiten

I'll Be Gone in the Dark

Kombinieren im guten alten Agatha-Christie-Stil: Michelle McNamara machte die Recherchen zum Golden State Killer zu ihrer Mission.

(Foto: HBO)

Die True-Crime-Serie arbeitet die Taten des Golden State Killers auf, und widmet sich einer Rechercheurin. Dokumentarisch ist daran aber nichts.

Von Fritz Göttler

Kürzel können ganz schön ominös sein, die Fantasie anregen, Furcht einflößen. Das Phantom, das die Polizei von Sacramento mehrere Jahrzehnte jagte, nannte man EAR, East Area Rapist, weil es anfangs im östlichen Viertel der Stadt zuschlug, später ONS, den Original Night Stalker, schließlich GSK, den Golden State Killer. Mehr als fünfzig Vergewaltigungen hat der verübt, äußerst brutal, zwölf Morde.

Im Sommer 1976 begann es, der EAR drang nachts in Häuser ein, blendete die Frauen mit einer Taschenlampe, setzte ihnen ein Messer an die Kehle oder Schläfe, fesselte und knebelte sie, vergewaltigte sie, mehrmals, ging in die Küche, holte ein Bier aus dem Kühlschrank, etwas zu essen. Er nahm sich Zeit, packte auch ein paar Gegenstände ein und verschwand so geräuschlos, dass die Opfer lange nicht wussten, ob er wirklich weg war oder der Terror weitergehen würde. Die Zeitungen merkten an, dass er immer allein lebende Frauen angriff, daraufhin überfiel er auch Ehepaare, ließ die Frau den Mann fesseln, stellte ihm Teller auf den Rücken, wehe, wenn er etwas klappern hörte. Nicht auf Sex war er aus, konstatierten die Kriminalbeamten, sondern auf Terror.

Die Jagd auf den Golden State Killer wurde McNamaras Obsession

Es war das Ende der Unschuld in Sacramento, wird später eine Frau sagen, Opfer Nr. 23. Die HBO-Dokuserie I'll Be Gone in the Dark, nach dem gleichnamigen Buch von Michelle McNamara, zeichnet die Spur des Golden State Killers nach, von den ersten Überfällen bis zur Überführung und zum Geständnis des Täters viele Jahre später, mit Hilfe von genetischen Untersuchungen. Und sie zeichnet Michelle McNamara selbst, die den Blog True Crime Diary kreierte und sich für die im Internet möglichen neuen kriminalistischen Recherchen begeisterte: gemeinsam mit anderen Usern kombinieren im guten alten Agatha-Christie-Stil. Die Jagd auf EAR/ONS wurde ihre Obsession. Ihr Buch kam erst nach ihrem überraschenden Tod nach einer Überdosis Arzneimittel im Jahr 2016 heraus, fertiggestellt von ihrem Ehemann Patton Oswalt, Paul Haynes, einem Internetdetektiv, der ihr engster Mitarbeiter wurde, und Billy Jensen. Mit dem hatte sie einst eine Untersuchung veröffentlicht "Citizen Dicks: Solving Murders With Social Media".

Dokumentarisch ist die HBO-Serie nun aber nicht, sondern höchst emotional, ein schauervolles Gewebe aus Stimmungsbildern, nächtlichen Baumsilhouetten vor dem Mond, trügerischen Suburb-Idyllen und bürgerlichen Interieurs, Klaviermusik und dem Pfeifen eines Teekessels. Die damals ermittelnden Beamten erzählen, die Redakteurin vom Los Angeles Magazine, die 2013 einen ersten Bericht orderte, Patton Oswalt, den man als Comedian und Filmschauspieler kennt und der Michelle aufrichtig liebt ("Irische Frauen sind mein Kryptonit."). Es ist unerbittlicher Voyeurismus, er macht bewusst, wie schmerzlich Voyeurismus ist, und besonders schmerzt die Leere, die in die Gesichter der Opfer dringt, wenn sie sich beim Erzählen wieder erinnern. Nachdem der Täter weg war, begann die zweite Phase des Schreckens, Ermittler stürmen ins Haus, ruppig und unsensibel, keine Frau unter ihnen, die sich der vergewaltigten Opfer annehmen würde. Das Haus war geschändet. Ein Opfer, das am Klavier überfallen wurde, hat Tage später das Klavierspielen aufgegeben.

Vergewaltigung war damals, Jahrzehnte vor "Me Too", ein Delikt, das eher noch als Körperverletzung bestraft wurde. Die Frauen galten nicht als reine Opfer, oft wurde suggeriert, sie hätten die Tat durch womöglich aufreizendes Verhalten mitprovoziert. Der Stalker liebte es, so stellt es die Serie dar, die Gärten auszukundschaften, den Frauen zuzuschauen, die sich dort bewegten, das Dunkel, in das er sich zurückzieht, macht ihn fast zu einer mythischen Figur. "I stepped into an avalanche, it covered up my soul", wird ein Leonard-Cohen-Song eingespielt, "you who wish to conquer pain, you must learn to serve me well". Der Stalker als archetypische gesellschaftliche Figur, zwischen Macht und Verlangen. Plötzlich taucht in dieser Doku eine Frau im weißen Badeanzug auf, auf einem Boot im Dschungel, sie springt ins Wasser und schwimmt los, von unten wird sie heimlich beobachtet von einem Amphibienwesen.

Eine mythische Szene, Kino natürlich, aus dem Film "Der Schrecken vom Amazonas", einem Lieblingsfilm von McNamara und Oswalt. Das Verlangen der Wasserkreatur, fast hätte es den Fuß der schwimmenden Frau neugierig berührt. I'll Be Gone in the Dark kreist den Schrecken und die Faszination des Voyeurismus von allen Seiten, aus wirklich allen Perspektiven ein.

I'll Be Gone in the Dark, bei Sky.

© SZ/cag
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