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Hugo Egon Balder:"Also saufen nicht mehr so, aber rauchen"

Hugo Egon Balder wird 70

Noch immer rufen Leute, wenn sie ihn sehen, wegen „Tutti Frutti“: Erdbeere! – Hugo Egon Balder.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Der Moderator, Produzent und Schauspieler Hugo Egon Balder wird 70. Ein Gespräch über Wortspielhöllen, "Tutti Frutti"-Spätfolgen und Fließbandarbeit.

Ein Sonntag in Hamburg. Draußen wird nach und nach alles dichtgemacht, auch das Theater, wo Hugo Egon Balder gerade spielt. Der Mann, der im deutschen Fernsehen fast alles gemacht hat, was man an professionell dummem Zeug so machen kann, sitzt im "Zwick", seiner Kneipe am Anfang der Reeperbahn. An den Wänden hängen Bilder von allem, was die Pop- und Rockwelt je bewegte. Und mittendrin gibt der Chef bereitwillig Auskunft über all das, was er im Leben so veran- und verunstaltet hat.

SZ: Herr Balder, an Ihrem 70. Geburtstag am Sonntag in der Hamburger Komödie auf der Bühne stehen. Nun ist alles abgesagt. Was machen Sie jetzt?

Hugo Egon Balder: Jetzt stehe ich nicht auf der Bühne. Ich bin dann zu Hause in Köln und bewege mich nicht.

Eine Beckmann-Frage: Was macht das mit Ihnen?

Nichts.

Ich bin ganz froh, wenn ich ehrlich bin. Ich sitze zu Hause, meine Kinder und meine Frau werden da sein, und das isses.

Kein Aufhebens um Sie?

Richtig. Ich mag das nicht. Habe ich noch nie gemocht. Das bin ich nicht.

Am besten, man beachtet Sie gar nicht?

Das wäre mir am allerliebsten.

Dafür haben Sie den falschen Beruf.

Das weiß ich. Aber je älter ich werde, desto näher komme ich meinem Ziel.

Das da wäre?

Dass mich keiner mehr beachtet. Wenn ich irgendwo in einer Stadt bin und dort Theater spiele, freue ich mich, wenn es regnet. Dann habe ich einen Schirm dabei, und dann sieht mich auch keiner. Ich gehe gerne an Hauswänden lang und versuche, Kontakte zu vermeiden. Nicht wegen des Virus, sondern generell.

Und wenn man Sie trotzdem erkennt?

Wenn es dann so ist, dann bin ich freundlich, aber es muss nicht sein.

Wie passt das zu Ihrem Beruf? Einerseits wollen Sie die Leute, andererseits wollen Sie die Leute nicht.

Ich will sie schon. Es ist nur immer die Frage, wann. Wenn ich gerade eine Suppe esse, und einer haut mir auf die Schulter, ist das nicht so lustig. Oder wenn jemand auf mich zugerannt kommt und einen Meter vor mir stehen bleibt und sagt: "Kenn ich Sie?" Ich antworte dann immer: "Das weiß ich nicht, das müssen Sie doch wissen?" Es gibt aber auch Situationen, wo es okay ist, wo die Leute einfach nett sind. Das ist schon schön. Aber wenn ich das alles nicht mehr hätte, wäre es auch nicht schlimm.

Wenn man Sie final würdigen wollte, was müsste da unbedingt erwähnt werden?

Dass ich immer noch arbeite, dass ich immer noch da bin. Ich saufe und rauche. Also saufen nicht mehr so, aber rauchen.

Was hat man als 70-Jähriger zu verlieren?

Nichts. Mein Arzt sagt immer zu mir: Hör nicht auf, schränke es ein. Was soll er auch sonst sagen?

Haben Sie einen Überblick über das, was Sie über all die Jahre angestellt haben?

Nein. Das interessiert mich auch gar nicht so sehr, wenn ich ehrlich bin. Wir haben ja diese Geburtstagssendung aufgezeichnet für Sat 1, die am 3. April läuft, da sind so ein paar Erinnerungen hochgekommen. Da war fast die gesamte RTL Samstag Nacht-Crew da. Das war schön, die mal auf dem Haufen wiederzusehen. Ansonsten denke ich über das, was war, nicht nach.

Wenn man sich die Titel Ihrer Sendungen anschaut, dann findet man Talk im Tudio, Jetzt wird eingelocht und Der Klügere kippt nach. Hatten Sie niemals Angst, in der Wortspielhölle zu landen?

Ja, hatte ich. Machte mir aber nichts. War mir egal. Ich bin so ein alter Heinz-Erhardt-Freak. Der war der König der Kalauer. Mich hat das immer fasziniert. Ich habe da auch überhaupt keine Berührungsängste. Wir wollten mal Theaterstücke umdichten und aus "Sechs Personen suchen einen Autor" "Sechs Personen suchen ein Auto" machen. Wenn das dann keiner hören will, dann lassen wir es wieder. Man darf das alles nicht ernst nehmen. Das ist ja der Witz daran.

Ihr Gesamtwerk legt den Schluss nahe, dass Ihnen immer wurscht war, was die Leute denken.

Ja, es ist wurscht. Hauptsache, uns hat es gefallen.

Sie hatten nie den Hauch eines Zweifel?

Doch, man sitzt da und fragt sich, ob das irgendjemand versteht. Aber man muss ja mal Sachen probieren.

So wie Der Klügere kippt nach, die Talkshow, die Sie hier im Zwick aufgezeichnet haben, bei der die Talkgäste immer betrunkener wurden und Hella von Sinnen nur noch krakeelt hat.

Das ist leider völlig aus dem Ruder gelaufen und hat sich ein bisschen zu einer Freakshow entwickelt, was wir nie wollten. Die Grundidee war ja, so etwas wie Werner Höfer früher mit dem "Internationalen Frühschoppen" zu machen, nur etwas moderner. Man sitzt da, raucht und haut sich ein Gläschen Wein oder mehr in die Birne.

Da sahen Sie Ihrer Idee beim Scheitern zu.

Absolut. Aber das war auch eine Erfahrung. Von Folge zu Folge wurde ich böser. Ich sollte erst nur der Wirt sein, der die Getränke bringt, dann musste ich mitquatschen. Da hatte ich überhaupt keine Lust zu. Egal.

Was hinterlassen Sie dem Fernsehen?

Nichts.

Im nie geschriebenen Lexikon der deutschen Fernsehshowgeschichte nehmen Sie aber doch einige Seiten ein.

Nein, das ist doch alles Wegwerfware, was wir machen. Ich habe, weil das Theater nun zu ist, gestern den ganzen Abend Arte geguckt und weiß jetzt, wie die Relativitätstheorie funktioniert. Das war ein großer Bericht über Stephen Hawking und Einstein. Diese Leute haben etwas hinterlassen. Ich hinterlasse nichts. Null. Zwei Kinder - ja. Mehr nicht. Das ist alles sehr schön gewesen, auch sehr lustig, und wenn es die Leute gefreut hat, war das auch schön.

Aber Sie haben so viel gemacht: Kabarett mit Harald Schmidt, Sie waren Radiomoderator und sind als Schlagersänger in Ilja Richters Disco im ZDF aufgetreten.

Danach war ich noch Herr Feldmann, der Hund, in einer Frank-Zander-Show. Ich war alles. Aber das ist nichts, was die Nachwelt interessieren müsste.

Mit Alles nichts oder?! haben Sie Ende der 80er-Jahre immerhin so etwas wie Anarchie ins RTL-Programm gebracht.

Das stimmt, aber das hätte alles nicht funktioniert, wenn wir es nicht in einer Zeit gemacht hätten, in der sowieso alles neu gemacht wurde. Das Privatfernsehen blühte gerade auf, und wir hatten da bei RTL mit Leuten wie Helmut Thoma als Geschäftsführer und Marc Conrad als Programmbestimmer Leute, die einfach sagten: Macht mal! Ich war eben oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir haben uns aber nie als große Vorreiter empfunden, für uns war das einfach nur ein großer Spaß.

Aber Gags aus RTL Samstag Nacht, das Sie als Produzent mit angeschoben haben, erzählt man sich heute noch.

Ja, aber das war nicht direkt ein großer Spaß. Wir hatten das große Glück, dass Marc Conrad das unbedingt wollte. Thoma wollte das nämlich nach der zweiten Folge schon absetzen.

Warum?

Weil es nicht lief. Das wurde nachts um zwölf gesendet, und keiner guckte zu, weil keiner die Leute kannte, die da auftraten. Dann hat Rudi Carrell einen Brief an RTL geschrieben. Darin fragte er Thoma, ob er denn wüsste, was er da für ein Juwel hätte. Den Brief haben wir uns ins Büro gehängt. Danach haben sie sich bei RTL entschlossen, die Sendung einfach früher zu senden, und dann ging es los.

Wäre Ihr Leben ohne Tutti Frutti ärmer?

Ne, anders. Ich weiß nicht, ob wir ohne diese Show RTL Samstag Nacht hätten machen können. Ich bin nach Tutti Frutti zu Conrad gegangen und habe gesagt: Ich mache jetzt eine lange Pause. Ich habe damals gemerkt: Ich bin verbrannt durch Tutti Frutti. Ich konnte ja machen, was ich wollte, ich blieb immer der Titten-Mann. Da hat Conrad gesagt: Dann produzier doch was. Daraus wurde RTL Samstag Nacht.

So hat Tutti Frutti Spätfolgen ausgelöst.

Es gibt heute immer noch Leute, die brüllen "Blaubeere" oder "Erdbeere", wenn sie mich sehen. Damit muss ich leben. Dabei können sich die Leute gar nicht vorstellen, wie das damals bei den Aufzeichnungen in Mailand war. Die denken, das war High Life. Nee, war es nicht. Das war Schicht, das war Fließbandarbeit, jeden Tag vier Sendungen, manchmal fünf. Für uns war das aber auch Kabarett. Wir haben das alles nicht ernst genommen.

Sie haben wenigstens gut verdient daran.

Ich hätte mehr verdienen können. Conrad hat mir Jahre später gesagt: Wenn du das Zehnfache verlangt hättest, wir hätten es dir auch gezahlt.

Was haben Sie bekommen pro Folge?

Ich weiß es nicht mehr genau. Ich glaube, es waren am Anfang 3000 Mark, später dann 5000 Mark. Das war viel Geld damals.

Der Start einer großen Karriere.

Die ich nie gemacht habe. Ich habe einfach keine Ellenbogen. Wenn ich früh anders gewesen wäre, als ich bin, wäre ich vielleicht Chef von irgendeinem Sender geworden. Aber da muss man über Leichen gehen. Das kann ich nicht.

Machen Sie neben Genial daneben noch mal was im Fernsehen?

Ich weiß es nicht. Vielleicht. Ich bin ja nie Mainstream gewesen. Ich kann das nicht. Auch die ganzen Schlager, die ich früher mal gemacht habe, das war alles Verarsche. Das hat nur keiner mitgekriegt. Ich habe das alles nicht ernst gemeint.

© SZ vom 21.03.2020
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