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"House of Trumps" im Ersten:Uffgeklebte Pusteln

Jemand anderer sein, nicht nur spielen - und das in weichem Hessisch: Olli Dittrich als fiktiver Cousin Peter Trump.

(Foto: Daniel Wolcke/WDR)

Als Peter Trump, fiktiver deutscher Cousin des scheidenden US-Präsidenten, tritt Olli Dittrich zum Jahresende auf. Vom Dialekt bis zu den Socken ist alles frei erfunden, könnte aber auch wahr sein.

Von Holger Gertz

Wie ernst der Komödiant Oliver Michael Dittrich seine Kunst nimmt, spürt man, wenn man die Gelegenheit hat, ihn bei der Ausübung dieser seiner Kunst zu beobachten. Wenn Dittrich also ein anderer ist als Dittrich. Der Unterschied ist wichtig: Jemand sein, das ist etwas Tieferes als jemanden nur zu spielen. Und dass Dittrich jemand sein will beziehungsweise jemand ist, erschließt sich sämtlichen Beleuchtern und Tonmenschen und Maskenbildnerinnen, die sich an einem Frühwinter-Mittwoch in Studio 2 der Berliner Union Film an einer Bühne in Stellung bringen. Berliner Union Film, kurz Bufa: Hier hat schon Marlene Dietrich gedreht, hier wurde Dieter Thomas Hecks Hitparade produziert. Ein historisch aufgeladenes Areal also, wie geschaffen für den historisch wertvollen Talk, der hier aufgezeichnet wird.

Miteinander reden werden Günther Jauch und Peter Trump, deutsch mit u ausgesprochen selbstverständlich. Trump wie tumb oder wie Trumpf, je nachdem. Günther Jauch ist der Original-Polit-Talkmaster (und natürlich ist Jauch sehr gut als Jauch). Und Olli Dittrich ist Peter Trump, der aus Würmeling in Hessen stammende fiktive deutsche Cousin und Spielgefährte von Donald, gemeinsam haben sie als Kinder schöne Sommer in der hessischen Provinz verbracht: Donald war da immer zu Besuch. Die Verwandtschaft der beiden kann man an der Frisur ablesen, Resultat einer milden Form der Hypertrichose, einer Überbehaarung, von der viele Mitglieder der Trump-Family befallen waren. Auch die Großmutter Lisbeth, sagt später Peter Trump, "hat einen Mordsdonnerputz gehabt".

Zunächst aber sitzen Jauch und Trump sich gegenüber und plaudern: Unverfänglichkeiten, die Aufregung beim Warm-up etwas runterdimmen. Aufgezeichnet wird noch nicht, und es klatscht coronabedingt auch kein Zuschauer, aber Dittrich hat auch ohne Publikum aufgehört, Dittrich zu sein, seit er ein paar Stunden vorher zu Peter Trump umdekoriert worden ist. Nicht Dittrich, sondern Trump spricht jetzt mit Jauch über die Atmosphäre in einem Studio.

Nicht Dittrich, sondern Trump sagt, dass er das Aktuelle Sportstudio schon immer geschaut hat, auch früher schon, als Jauch noch der Moderator war, oder Michael Steinbrecher, den er Steinbreschä ausspricht, denn Peter Trumps Dialekt ist ein weiches Hessisch. Es ist irritierend, sogar noch für Leute, die Dittrich kennen, aber in solchen Momenten ist er als Dittrich nicht mehr erreichbar, sondern nur noch als die Figur, in die er sich verwandelt hat.

House of Trumps - Peter, ein deutsches Geheimnis heißt die neueste Folge des TV-Zyklus, in dem Dittrich seit 2013 einerseits die Schönheiten des deutschen TV-Wesens zum Strahlen bringt und andererseits dessen Abgründe dokumentiert. Immer kurz vor Weihnachten verpackt Dittrich das Jahr in Geschenkpapier. Er war das etwas welk gewordene Show-Wunder Trixie Dörfel (Topfilm: Herr Pastor drückt ein Auge zu). Er war der Tierfilmer Andreas Baesecke, der das Polarzebra entdeckt hat - und dann relotiusartig zugeben musste: Das Polarzebra war erfunden. Er war der Sitzboxweltmeister Butsche Roni, aka der Killer von Farmsen, er war der Reporter Sandro Zahlemann ("Mit der Kamera direkt druff!"), der live vom Leipziger Hauptbahnhof berichtete und, weil es eigentlich nichts zu berichten gab, über die Tierwelt der Erbmonarchie Bhutan referierte, wo das Blauschaf gezüchtet wird, aus dessen Fell - wer wüsste es nicht - die Umhüllungen für die Außenreportermikrofone angefertigt werden.

"Glaubst du, dass es Peter Trump gibt?" "Ja"

Dittrichs Figuren gibt es, oder es könnte sie geben, und damit der Glaube daran, dass es sie gibt, gefestigt wird, treten in seinen Produktionen leibhaftige Prominente auf, die das bestätigen, was Dittrich sich ausgedacht hat. Peter Trump existiert, sonst könnte Jauch ja nicht mit ihm reden. Es ist ein belastbares Prinzip: Alles frei erfunden, könnte aber wahr sein. Dittrich war kürzlich in einer Talkshow bei Jörg Thadeusz, der die kluge Frage stellte: "In dem Moment, wie du hier sitzt: Glaubst du, dass es Peter Trump gibt?" Und Dittrich antwortete: "Ich glaube, dass es ihn gibt, ja."

House of Trumps âÄ" Peter, ein deutsches Geheimnis; WDR ARD House of Trumps Olli Dittrich

Abgestimmt bis zu den Socken, auch wenn man die im Fernsehen nicht sieht: Olli Dittrich als fiktiver Peter Trump.

(Foto: WDR/beckground tv/Daniel Wolcke; WDR/beckground tv/Daniel Wolcke/WDR/beckground tv/Daniel Wolcke)

Als Erstes bekommt ein Mensch wie Peter Trump eine Biografie, die in den Stammbaum der Familie Trump eingepflegt werden kann. Dittrich und sein Team recherchieren alles über das ganze Jahr, und wenn es auf Weihnachten zugeht, wächst die Figur von einer Idee zur Persönlichkeit. Dann muss auch kleidungstechnisch jedes Detail stimmen, sogar Uhren und Manschettenknöpfe müssen dann so sein, dass ein kleiner Landmaschinenvertreter wie Peter Trump, der plötzlich an der Weltgeschichte schnuppert, diese Manschettenknöpfe tatsächlich tragen könnte.

In House of Trumps marschiert Peter Trump einmal in schweren Winterschuhen durchs Panorama. Da hat sich Dittrich vorher nicht nur Gedanken über die Schuhe gemacht, sondern auch über die Socken in den Schuhen, obwohl man die im Fernsehen nicht sieht. Aber er muss sich sicher sein, dass sein Geschöpf die korrekten Klamotten trägt - sonst fühlt er sich in dessen Haut nicht wohl. Sonst kann er nicht Peter Trump sein, der sich an die Zeit mit Donald erinnert, und dessen Erinnerungen, wie es üblich ist im O-Ton-versessenen Zeitzeugen-TV, mit dräuender Musik unterlegt und für absolut bare Münze genommen werden: "Einmal hat der 'ne Scheibe eingeschmisse, die Scherben sin ins Heu gefalln, die Kuh hats uffgefresse, da ist der Pansen uffgerisse, dann ist das Tier verblutet - und der Donald hat hinnerher behauptet, das wär der Knecht gewese, und der wär Kommunist."

Diese filigrane Komplettwerdung zu einer anderen Person führt zu Szenen, die man nur bei der Aufzeichnung mitkriegt: Eine Gesprächssequenz müssen Jauch und Trump ein paar Mal wiederholen. Es geht darum, dass Donald Trump in der Kindheit in Hessen einmal die Masern überstanden hat, viel schneller natürlich als alle anderen Kinder, aber dann kam raus, dass er sich die Pusteln nur uffgeklebt hatte. Und um die Temperatur hochzutreiben, war er im Schweinestall gewesen und hatte das Thermometer da unter das Bein von so einem Schweinchen geklemmt, deren normale Körpertemperatur geht ja bis über 39 Grad rauf. Drei Anläufe müssen sie nehmen, bis das im Kasten ist, Dittrich erzählt drei Mal die gleiche Geschichte, nicht dieselbe. Er erzählt sie immer ein bisschen anders, weil er das nicht auswendig gelernt hat, sondern weil das Anekdoten sind aus Peter Trumps Leben.

Das Setting erinnert an ein Frühwerk nach dem Sommermärchen 2006, Dittrich als Franz Beckenbauer wird interviewt von Harald Schmidt, und dabei erklärt er Phänomene, die nicht erklärbar schienen, zum Beispiel den berühmten Kopfstoß von Zinédine Zidane im WM-Finale 2006. Wie konnte es nur dazu kommen? Dittrichs Beckenbauer sagte: "Der Maradona hat eine Magenverkleinerung bekommen, der Zinédine Zidane hat das einfach nachgemacht, aber ein Mensch, der jetzt nicht weiter dick ist, bekommt Probleme. Da gibt es eine Kontraktion, der Magen zieht sich zusammen, sodass der Kopf nach vorne schnellt." Das war das ganze Geheimnis.

Dittrichs Humor ist subtiler geworden, aber seine Geschichten helfen immer noch dabei, das Unbegreifliche endlich zu sortieren. Das minutenlange Händeschütteln von Donald Trump ist eine milde Form von Sadismus, hat aber, wie man nun erfährt, vor allem damit zu tun, dass Trump zu den wenigen Menschen gehört, bei denen Hagebutten keinen Juckreiz auslösen.

Peter Trump hat schließlich noch eine Rechnung offen mit Donald Trump, es geht um ein Testament, und ihm wird da von seinem Cousin einiges vorenthalten. Es gab zu Trumps Dienstzeit immer wieder den großen Satz, formuliert von deutschen Journalisten oder Besserwissern oder selbsternannten Amerika-Experten: "Jetzt wird's eng für Trump". Oder: "Jetzt wird es aber wirklich eng für Donald Trump." Und schließlich: "Aber nun wird's dann wirklich eng für Trump." Und weil Olli Dittrich gar nicht Menschen parodiert, sondern viel grundsätzlicher Handlungen und Verhaltensweisen von Menschen persifliert, hat sein Peter Trump auch hierzu etwas zu sagen, im Rahmen dieses Testamentsstreits: "Isch werd eine Klagewelle über ihn hereinbrechen lassen, die er sich so noch nicht von mir vorstellen kann."

Jetzt wird es eng für Donald Trump.

House of Trumps - Peter, ein deutsches Geheimnis, Das Erste, 23.50 Uhr

© SZ/cag
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