Horrorserie auf Amazon Verschollen in der Eiswüste

Nach eineinhalb Jahren Warten im Eis ziehen die Matrosen zu Fuß los.

(Foto: AMC/Amazon)

Ridley Scott hat aus einem der größten Rätsel der Wissenschaftsgeschichte eine Horror-Serie gemacht. Grauenvoll ist dabei vor allem das, was man nicht sieht.

Von Karoline Meta Beisel

Noch bevor der Vorspann läuft, steht fest: Jetzt schaut man diesen Männern zehn Folgen lang beim Sterben zu. Man weiß ja, dass keiner der Seeleute lebend zurückkehrte, die sich 1845 aufmachten, die Nordwestpassage durch das Nordpolarmeer zu finden. Was genau den 129 Männern an Bord der beiden Schiffe Erebus und Terror geschehen ist, gehört zu den größten Rätseln der Wissenschaftsgeschichte. 1859 fand eine Suchmission auf King William Island im arktischen Norden Kanadas die letzte Nachricht der Matrosen, datiert auf April 1848: Eineinhalb Jahre lang habe man im Eis festgesessen, jetzt wolle man es zu Fuß versuchen: "Brechen morgen, 26., in Richtung Backs Fish River auf." Erst 2014 entdeckte eine Suchmission das Wrack der Erebus, zwei Jahre später wurde auch die Terror gefunden, viel weiter südlich als erwartet. Was war passiert?

Jene Leerstelle in der Entdeckungsgeschichte hat Schriftsteller und Künstler seit jeher inspiriert. Jules Verne hat über die nach dem Kapitän der Erebus benannte Franklin-Expedition geschrieben, Mark Twain, Margaret Atwood und Sten Nadolny: In Die Entdeckung der Langsamkeit wird Sir John Franklin von einem Schlaganfall dahingerafft - was im Vergleich zu dem, was die Serie The Terror für ihn bereit hält, ein gnädiges Ende ist.

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Der Schriftsteller Dan Simmons, dessen Buch aus dem Jahr 2007 dem Produzenten Ridley Scott als Vorlage für seine Serie diente, hat den Rumpf aus belegbaren Tatsachen genommen und darauf einen monströsen Kopf transplantiert. Er spinnt die Geschichte als Horrorerzählung weiter, bei der das Eisbär-artige Monster, das Jagd auf die Entdecker zu machen scheint, gar nicht das Schlimmste ist. Viel bedrohlicher ist das andere weiße Monster, das die Männer in seinen Klauen hält: die unwirtliche Eiswüste, in der die Erebus und die Terror auch in der TV-Version der Geschichte alsbald mit schwindenden Vorräten festsitzen, mit all den Konflikten, die eben auftauchen, wenn hundert Männer eingepfercht in zwei Booten auf etwas warten, von dem sie nicht wissen, wann oder ob es kommt.

Die Bilder aus der Eiswüste erinnern an Gemälde von Caspar David Friedrich

Schon die beiden Anführer sind sich uneins. Der melancholische Francis Crozier, Kapitän der Terror (Jared Harris aus Mad Men und The Crown), ist der erfahrenere Seemann und mahnt dringend, ein paar Männer auf die Suche nach Rettung zu schicken, Franklin (Ciarán Hinds, Game of Thrones) hat seinen Titel vor allem seiner Herkunft zu verdanken und meint großspurig, es werde schon irgendwann tauen. Aber wie in Wahrheit überlebt Franklin nicht lange (auch das war der hinterlassenen Botschaft zu entnehmen), und der melancholische Crozier übernimmt das Kommando.

Die eigentliche Hauptrolle in The Terror spielen aber die Caspar-David-Friedrich-hafte Kulisse und die Ausstattung der in Ungarn gedrehten Serie. Winzige Menschen zwischen sich auftürmenden Eisklippen, darüber der fahle Himmel im besten Fall, sonst ewige Nacht, nur manchmal Nordlichter. Dazu die Geräusche: ächzende Balken, knarzendes, quietschendes, krachendes Eis, welches das Schiff in seinen Klauen zu zerdrücken scheint, festgezurrtes Segeltuch, das im fauchenden Wind schlackert. Die Kompassnadel spielt verrückt, Laternen flackern. Der Schiffsarzt Henry Goodsir (Paul Ready) ist der einzige Mann an Bord, der noch etwas Wärme in sich zu haben scheint, er führt in seinem Kabuff mit den simpelsten Mitteln Autopsien durch, wenn wieder einer gestorben ist. Auch ohne das Monster sind die Menschen dem Tod hier stets näher als dem Leben. Diese Welt will nicht erobert werden, das ist schon zu Beginn der Serie klar.

Erholungspausen gibt es nur für die Zuschauer, in Rückblenden und einem parallelen Handlungsstrang lernt man unter anderem Franklins Frau Jane kennen, die von England aus die erste von mehreren erfolglosen Suchmissionen organisiert. Außer einer geheimnisvollen Inuit tauchen sonst keine Frauen in der Serie auf.

In den USA ist The Terror auf dem Paysender AMC zu sehen, der sich auch schon für Breaking Bad und die extrem erfolgreiche Zombieserie The Walking Dead verantwortlich zeichnete - The Terror ist aber viel weniger blutig; grauenvoll ist hier eher, was man nicht sehen kann.

Die echte Geschichte der Nordwestpassage wurde übrigens erst Anfang des 20. Jahrhunderts weitergeschrieben, als dem Norweger Roald Amundsen die erste vollständige Seefahrt durch die Passage gelang, er segelte östlich an King William Land vorbei. So sie nicht als Eiszombies in The Walking Dead wieder auftauchen, dürfte die Geschichte der Matrosen aus The Terror nach diesen zehn Folgen hingegen zu Ende sein: Eine zweite Staffel ist jedenfalls nicht geplant.

The Terror, Amazon, wöchentlich eine Folge.

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