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Gymnastik im Home-Office:Wir sind Jane

Corona bringt es mit sich: Mini-Revival der TV-Gymnastik

Turnen vor dem Fernseher: Die Aerobic-Crew des Tele-Gym im BR hat seit Beginn der Corona-Einschränkungen mehr Zuschauer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Fitnesswelle ist ein Phänomen aus den Achtzigern? Von wegen. Über das seltsame Revival der Gymnastik-Sendungen im Fernsehen.

Von Gerhard Matzig

Wer sich an die Achtzigerjahre erinnern kann, hat sie nicht erlebt. Heißt es. Bevorzugt wird diese Sentenz herumgereicht wie eine Aspirintablette von Leuten, die sich an Karottenjeans, Neonjacken und "Modern Talking" (aus dem sogenannten Walkman) schon aus Gründen der Selbstachtung nicht erinnern wollen. Was mit Blick auf den jungen Dieter Bohlen nur allzu verständlich ist. Aber eigentlich stimmt der Satz von der Kunst des Vergessens trotzdem nicht. Ganz persönlich, zum Beispiel, kann man sich hervorragend daran erinnern - denn das Langzeitgedächtnis hält ja länger durch -, dass man am Beginn der Achtzigerjahre 17 und topfit war. Wobei man am Ende der besagten Ära was war? 27 und immer noch topfit. Vermutlich also hat man genau deshalb Jane Fonda und die Aerobic-Welle seinerzeit komplett verpasst. Das war ein Segen.

Weil man nämlich in der fraglichen Dekade über jene beneidenswerte Metabolismusformel verfügte, die fast ohne so seltsame Sachen wie Leibesertüchtigung aus jeder beliebigen Menge an Pizza, Coca-Cola und Herman-Hesse-Poesie eine gertenschlanke, durchtrainierte, ja begehrenswerte Silhouette zaubert. Diesem Zauber wohnt übrigens ein Ende inne. Das weiß man jetzt als Endfünfzigjähriger, der Angst haben muss, am Ende dieser zur Bewegungsarmut mehr noch als zum Verschwörungstheoriereichtum verdammten Pandemie vom Schwerlastkran aus dem Home-Office-Polstersessel gehievt zu werden.

Jane Fonda war die Urgroßmutter des massenkompatiblen Aerobic-Furors. Sie jedenfalls ist immer noch fit

Das seit einiger Zeit feststellbare Revival der früheren Aerobic-Sendungen in Hörfunk und Fernsehen ist daher womöglich die letzte Chance vor dem Schwerlastkran und einem Body-Mass-Index, der den eigenen Alterungsprozess seit den Achtzigern (17) bis heute (Gott sei Dank ist man bei 57 noch nicht ganz angekommen) auf perfide Weise nachzeichnen will. Mit anderen Worten: Die Erben der Jane Fonda, sie war die Urgroßmutter des telegenen, daher auch massenkompatiblen Gymnastikfurors, rufen uns nun auf allen möglichen Kanälen an wie einst der Bayerische Rundfunk mit seiner legendär satanischen Fitnessformel am frühen Morgen: "Eins, zwei, drei, vier, fünf ... und ... und ... halten! ... halten! ... und sechs." Uff. Man hat das immer noch im Ohr als frühkindliches Radiotrauma.

Zum ersten Mal lief am 3. Dezember 1928, also vor bald einhundert Jahren, eine Frühgymnastik-Sendung im Programm des Bayerischen Rundfunks - damals, also vor dem BR als Landesrundfunkanstalt, noch als "Deutsche Stunde in Bayern" firmierend. In der Radiowelt von 1947 liest man, die morgendlichen Stemmübungen hätten sich anfangs vor allem an die "vollschlanken und verkaterten" Rundfunkteilnehmer gerichtet. Der Krieg war eben aus, die Kühlschränke wurden wieder voller - und auch das war ein Grund zum späteren Verkatertsein. Doch schon bald wurde die Sendung, übernommen von der gelernten Krankengymnastin Claire Brill (begleitet von Alfons Tiefenböck am Klavier), methodischer - und etablierte sich als beliebte Funk-Gymnastik der ersten Stunde.

Die Übungen waren leicht zum Nachahmen, als Gerät dienten beispielsweise Stühle. Oft musste man mitten in der Dehnübung ausharren - "eins, zwei, drei" bis, endlich, "sechs". Auch das launige "Turnen Sie mit uns" hat man noch im Ohr, während man versuchte, den Radiowecker mit dem Kissen zu erdrosseln. Trotzdem war es gut, dass sich auch Deutschland von der spätestens seit den Achtzigerjahren global vagabundierenden Fitnesswelle antreiben ließ.

In der ARD-Mediathek gibt es die "Couch-Edition" für den "Knackarsch". Ernsthaft?

Das aktuelle Revival, es heißt in der ARD zum Beispiel "Sport@home - Fit durch die Corona-Zeit", geht über Bauch-Beine-Po jedoch weit hinaus: Thai Bo (das ist eine Mischung mindestens aus Karate, Taekwondo, Kickboxen und Aerobic), Deepworkout, Zumba oder Qi-Gong ... es gibt fast nichts, was nicht per Fernmotivation strafft, muskelt oder sonstwie fit macht. Wer am kommenden Montag um 7.20 Uhr Zeit hat, kann sich im BR der Tele-Gym "Aktiv & beweglich mit 60+" anvertrauen oder um 8.30 Uhr der Folge "Gesunder Rücken". Man könnte dazwischen um 7.40 Uhr zu "Der rbb macht Fitness" wechseln, wahlweise ist ab 8.10 Uhr im HR "Das Sportprogramm der TG Bornheim" mit "Fit in den Tag" angesagt. Und auf ARD alpha gibt es ab 13 Uhr "Happy Balance".

Wer denkt, dass dann spät am Abend die in der ARD-Mediathek abrufbare "Couch-Edition" Entspannung bringt - "heute", sagt Fit-mit-Nick, "machen wir es mal richtig schön lazy" - täuscht sich. Okay, man liegt zu den Übungen auf der Couch. Aber Übungen sind es trotzdem. Auch "für den Knackarsch" (Nick). Nach 15 Minuten Workout bleibt man, das ist dann doch das naheliegend Gute an der Couch-Edition, einfach röchelnd liegen und weint in die Kissen. Jane Fonda, auf die man schon früher hätte hören sollen, wird übrigens in diesem Dezember 83 Jahre alt. Es heißt, sie sei ganz schön fit.

Das Gute an all den Fitnessformaten für das erzwungene Dasein im eigenen Zuhause, es gibt sie einerseits im Fernsehen und im Rundfunk, andererseits auch als Produktionen von coronabedingt stillgelegten Fitnessanbietern, liegt auf und sogar in der Hand. Erstens ist Bewegung generell gut für Gesundheit und gute Laune. Zweitens muss man keinen Proteinshake an der Bar vom immer noch geschlossenen Fitnesscenter trinken, wo Hulk im Muskelshirt bedient. Und drittens gibt es eine Fernbedienung. Die hat einen Aus-Knopf.

© SZ/tyc
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