Hörspiele:Doppelter Notruf

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(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

"Streife" und "Die Polizey": Zwei Hörspiele zweifeln an der Aufrichtigkeit vermeintlicher Freunde und Helfer.

Von Stefan Fischer

Blaulicht, Martinshorn, bellend abgesetzte Funksprüche, ein actiongeladener Einsatz - weit gefehlt. "Sie konzentrieren sich bitte nur auf meine Fingerspitzen", sagt stattdessen eine feste, dabei warme, zugewandte Frauenstimme. Es ist der Versuch einer Therapeutin, einen Polizeibeamten in Hypnose zu versetzen.

Der Einsatz ist bereits vorbei in Niki Steins und Tatiana Nekrasovs Hörspiel Streife. Er hat, man ahnt es bald, ein tödliches Ende genommen für die Kollegin des Hypnotisierten. Es war auch kein Einsatz mit viel Tatütata, vielmehr eine Abfolge mehrerer an sich banaler Ereignisse, die wie bei dem sprichwörtlichen Frosch, dem man das Wasser, in dem er sitzt, langsam erhitzt, ein fatales Ende nehmen. Ohne dass man sagen könnte, wann die beiden ungleichen, einander kaum vertrauten Beamten den Moment verpasst haben, an dem sie das Schicksal noch hätten abwenden können.

Ohne dass dies explizit beim Namen genannt wird: Die Polizistin wurde ein Opfer des NSU. Stein, der auch Regie geführt hat, und Nekrasov nehmen sich die künstlerische Freiheit, die tatsächliche Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn durch den NSU im Jahr 2007 zu interpretieren als eine gezielte Tötung der von ihnen erfundenen nachnamenlosen Figur Rebekka. Eine Polizistin auf Streife, die zufällig und im privaten Umfeld die Gefährlichkeit der rechtsradikalen Mörder erkennt. Was diesen auch bewusst wird. Für den NSU gilt es, eine Gefahrenquelle auszuschalten.

In Streife geht es vor allem aber darum, wie der Polizeiapparat funktioniert, wie ernst er seine eigenen Leute nimmt, wie sehr er sie schützt oder auch nicht, wie groß seine Bereitschaft ist, im Dienste einer größeren Sache bewusst ein Bauernopfer zu riskieren. Eine Spekulation, mehr Gesellschaftsdrama und Kammerspiel als Krimi. Darüber, dass vieles womöglich nicht mit rechten Dingen zugeht in dieser Institution, die über Recht und Ordnung wachen soll.

Erst Krimineller, dann Kriminaler - ein heikler Wandel

Weitaus deutlicher hat sich Friedrich Schiller geäußert in seinem Textfragment Die Polizey, auf dem das gleichnamige Hörspiel des Autors Björn SC Deigner fußt. Sie sei, so Schiller, eine von Verschwörung und Verbrechen geprägte Institution. Er beruft sich dabei auf die sich neu formierende Pariser Polizei nach der Französischen Revolution als Keimzelle dessen, was einmal ein moderner Polizeiapparat werden sollte, wie wir ihn bis heute kennen. Der Geburtsfehler: Eugène François Vidocq, Begründer und erster Direktor der Sûreté nationale, war zuvor ein Krimineller gewesen, der nach seinem Seitenwechsel nicht von alten Methoden lassen wollte.

Deigner nun stromert durch die Zeiten, verharrt im "Dritten Reich", auch er landet letztlich beim NSU. Stets treibt ihn die Frage an: Wo steht die Polizei? Wenn sie Juden verhaftet, nur weil sie Juden sind, dubiose V-Leute beschäftigt und in ihren Reihen rechtsradikale Strukturen duldet. Das Hörspiel ist ein Ritt durch die dunkle Nacht dieser Institution.

Streife, ARD-Audiothek.

Die Polizey, DLF Kultur, 17. August, 22.03 Uhr.

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