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Hörspiel "Woanders":Immer den Leitfischen hinterher

Die Musikerin Masha Qrella.

(Foto: Diana Naecke)

In "Woanders" vertont die Musikerin Masha Qrella Lyrik und andere Texte des widerständigen Schriftstellers Thomas Brasch.

Von Stefan Fischer

Mit einer Anekdote über Fische beginnt das Hörspiel Woanders. Aber es geht natürlich eigentlich um Menschen in diesem Prolog: Es gäbe Fische, die in Schwärmen aufs offene Meer hinausschwimmen, obwohl es auf dem Schelf genügend Nahrung gibt. Weil Fische nur zwei Richtungen kennen: in die Mitte des Schwarms, um nicht aufzufallen und geschützt zu sein vor Fressfeinden, zum Nachteil derer, die weiter außen schwimmen. Und nach vorne, den Leitfischen hinterher. Diese Alpha-Fische jedoch, die ohne Sinn und Vernunft aufs offene Meer hinausschwimmen, nur um des Anführens willen, würde man in einem menschlichen Organismus geistesgestört nennen.

Woanders basiert auf Lyrik und anderen Texten des widerständigen Schriftstellers Thomas Brasch. Der war in der DDR früh angeeckt, Mitte der Siebzigerjahre wurde seine Ausreise in die Bundesrepublik bewilligt. Der Westen war für ihn aber kein gelobtes Land, sondern "diese zweite Nachgeburt, bei der nur die Schminke etwas besser trägt". Mit den Mitteln der Realität könne man Deutschland nicht beikommen, heißt es an einer Stelle.

Ein Lebensthema von Brasch, dessen Werk 20 Jahre nach seinem Tod in der literarischen Öffentlichkeit nur noch ein Nischendasein führt, ist der immerwährende Versuch, sich Vereinnahmungen zu entziehen. Ein zweites: die politische Dimension des Privaten. Die Musikerin Masha Qrella, die selbst eine Ostbiografie hat, begeistert sich für die Texte Braschs, ihren Inhalt, ihren Rhythmus. Dieser Tage hat sie ein Album veröffentlicht, ebenfalls Woanders betitelt, jeder Song darauf ist eine Brasch-Vertonung. Die bilden auch die Basis des Hörspiels, das sie gemeinsam mit Christina Runge und Diana Näcke realisiert hat. Eine Session, komponiert aus Interviews, Gedichten, Materialskizzen und Proberaum-Mitschnitten. Die Musik wird zu einem klug abgemessenen Resonanzraum für Braschs Positionen, im Zusammenspiel entsteht ein elektroakustisches Kunstwerk, das eine energiegeladene Neu- oder Wiederentdeckung dieses Autors ermöglicht - und die Relevanz seiner Argumente für unsere Gegenwart belegt.

Woanders, DLF Kultur, Mittwoch, 22.03 Uhr.

© SZ/cag
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