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Hörspiel und Feature:Mit Pferd in der Drehtür

Die "Kurzstrecke" ist ein Ort für Talente der Radioszene. Immer am letzten Donnerstag im Monat bringt der Deutschlandfunk unter diesem Label Wunderwerke, die sonst vermutlich keinen Sendeplatz fänden.

Von Stefan Fischer

Einmal im Monat öffnet Deutschlandfunk Kultur eine akustische Wundertüte - und in dieser Woche nun zum hundertsten Mal. Stets am letzten Donnerstag im Monat läuft abends die Kurzstrecke - ein Forum für die freie Hörspiel-, Feature- und Klangkunstszene. Das Publikum bekommt dort zu hören, was es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sonst kaum gibt: kurze, experimentelle Beiträge, die die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation, zwischen Erzählung und Soundspiel bewusst ignorieren.

"Vieles davon würden wir Redakteure uns im normalen Programm gegenseitig hin und her schieben", sagt Marcus Gammel, der bei Deutschlandfunk Kultur die Abteilung Radiokunst leitet. "Weil wir etwa das sechsminütige Feature, das mehr mit Sounds erklärt als mit Worten, zwar gut finden, aber keinen Sendeplatz dafür haben."

Das ist die Krux der kreativen Formate im Radio: Auch sie sind in Zwängen etwa von standardisierten Längen und erzählerischen Konventionen gefangen. Der Deal in der Kurzstrecke ist: Gammel sowie Julia Gabel, Ingo Kottkamp und Julia Tieke, die die Kurzstrecke gemeinsam präsentieren, haben keinen Einfluss auf die einzelnen Inhalte. Sie senden vielmehr fertige Produktionen, die außerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems entstehen, diskutieren sie anschließend, stellen die Macher vor und suchen in der Geschichte der Radiokunst nach Anknüpfungspunkten.

Die Sendung ist damit auch eine Art Werkstattgespräch. An Einreichungen mangelt es nicht. Es gibt eine vitale freie Hörspiel-, Feature- und Klangkunstszene. Die hat ihre eigenen Festivals, etwa den Leipziger Hörspielsommer oder das Berliner Hörspielfestival. Doch die Grenzen zum öffentlich-rechtlichen System sind durchlässig. Die Kurzstrecke ist eine der Drehtüren. Sie ist ein Ort für Talente - Tom Heithoff beispielsweise hat über die Sendung den Weg von der freien Szene in die öffentlich-rechtlichen Redaktionen genommen -, aber auch für die unkonventionelleren Projekte etablierter Radiomacher.

Ein Hang zur Eigenwilligkeit zeichnet die meisten Beiträge der Kurzstrecke aus. Das ist die eigentliche Qualität der Sendung: Zu zeigen, dass es jenseits des öffentlich-rechtlichen Kulturradios eine eigenständige Vielfalt an Themen, Erzählhaltungen und Dramaturgien gibt. Nicht alles ist immer gelungen, manchmal verheben sich die Autoren, anderes ist noch unausgegoren. Aber spannend ist das meiste. Weil es einen überrascht. In der Jubiläumsausgabe der Kurzstrecke ist Call to listen von Katharia Pelosi zu hören, ein Feature, das mit wenigen Worten auskommt, über das postkoloniale Hamburg. Und das Stück I got my horse right outside, eine Collage aus Geräuschen, die in Hip-Hop-Songs verwendet wurden. Darunter sind viele, die man eher nicht erwartet hätte.

Kurzstrecke, DLF Kultur, 22.03 Uhr.

© SZ vom 30.07.2020
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