Hörspiel Tonspur der Geschichte

Jens Harzer, Matthias Bundschuh und Robert Dölle (v.l.) sprechen in Brüder die Hauptrollen Robespierre, Desmoulins und Danton.

(Foto: Annika Fußwinkel/WDR)

Der WDR hat aus Hilary Mantels Roman "Brüder" über die Französische Revolution ein 26-teiliges Hörspiel mit etwa als 200 Figuren gemacht. Selten war ein Projekt dieser Größenordnung so unterhaltsam anzuhören.

Von Stefan Fischer

Camille Desmoulins stottert entsetzlich, aber als er das Wort ergreift, hört ihm die aufgewühlte Menge trotzdem zu. Die Rede, zu die er anhebt, wird die Menschheitsgeschichte radikal verändern: Denn Desmoulins ist es, der die Pariser Bürger am 14. Juli 1789 mit Worten zu umstürzlerischen Taten anstachelt, zum Sturm auf die Bastille, in dem viele den Beginn der Französischen Revolution sehen.

Es ist ein treffendes Sinnbild, basierend auf einem historischen Fakt, dass Desmoulins kluge Worte seinen aufgestachelten Gedanken kaum nachjagen können. Ähnliches gilt nämlich auch für die Handlungen der Revolutionäre und ihrer Gegner: Ob Robespierre, Danton und Desmoulins, ob Lafayette, Saint-Just und Marat, ob Louis XVI. oder seine Frau Marie-Antoinette: Sie alle sind konfrontiert mit der Eigendynamik der Revolution, mit Ereignissen und Folgen von Ereignissen, die sie so nicht geplant haben. Ständig ist die Revolution weiter als die jeweilige Strategie ihrer Protagonisten. Davon erzählt Walter Adler in seiner 26-teiligen Hörspielserie Brüder, die der WDR von diesem Montag an sendet. Selten war ein Projekt dieser Größenordnung so unterhaltsam anzuhören.

Brüder basiert auf dem gleichnamigen Roman der englischen Autorin Hilary Mantel. Mantel ist hierzulande wenig bekannt, obwohl zwei ihrer Romane (der historische Roman Wölfe und seine Fortsetzung Falken) mit dem wichtigen Booker Prize ausgezeichnet worden sind. Das glückte bislang nur zwei anderen Schriftstellern. Mantel ist, und darin folgt ihr Adler, historisch genau in dem, wofür es Belege gibt, und glaubhaft, wenn sie selbst interpretieren muss. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil Brüder weniger an Politik interessiert ist als an Emotionen. Es ist eine Geschichte über Gier, Angst und Liebe, über Hass, Loyalität und Eitelkeit. Wer da nur drauflos fabuliert, landet leicht in den effekthascherischen Welten von Ken Follett und Rebecca Gablé. Brüder ist komplexer, ohne kompliziert zu sein, klüger und gleichwohl sehr unterhaltsam, mit mehrdeutigen Figuren, die gerade deshalb spannend sind.

Ein toller Stoff ist das für eine Hörspielserie - die imposanteste, seit der Serienboom das filmische Erzählen revolutioniert hat und auch Radiomacher über solche Dramaturgien nachdenken lässt. Wobei derlei im Hörspiel nicht ganz neu ist. So hat Walter Adler 2004 die Science-Fiction-Saga Otherland von Tad Williams in vier Staffeln zu je sechs Stunden fürs Radio inszeniert, nur sprach damals niemand von einer horizontal erzählten Serie, also von einer fortlaufenden Geschichte, die über mehrere Folgen erzählt wird. Aber in Zeiten des Sparzwangs lässt sich so ein Projekt mutmaßlich leichter realisieren, wenn es in den Trend passt.

In Nebenrollen sind Schauspieler wie Axel Milberg, Tom Schilling oder Angela Winkler zu hören

Unabhängig von irgendwelchen Etiketten ist Brüder schlichtweg gut erzählt: Die drei Hauptfiguren Desmoulins, Robespierre und Danton, gespielt von Matthias Bundschuh, Jens Harzer und Robert Dölle, halten einen Kosmos beisammen, in dem etwa 200 Figuren umherschwirren. Als Hörer folgt man diesem Trio und einem halben Dutzend zentraler Nebenfiguren dennoch mühelos durch die Revolutionswirren und die mitunter verzwickten privaten Angelegenheiten. Die übrigen Figuren sind entweder skurril wie zum Beispiel der Marquis de Sade oder Marie-Antoinette, gespielt von Ulrich Matthes respektive Chris Pichler, oder erkennbar nur vorübergehend von Belang wie der Comte de Mirabeau (Axel Milberg) oder der Arzt Souberville (Martin Brambach). So dass man sich beizeiten zwar gerne für jeden Einzelnen interessiert, aber von der schieren Masse der Figuren nicht überrannt wird.

Dazu trägt maßgeblich auch das von Adler sorgsam dirigierte, zum Teil hochklassige Ensemble bei: So spielen, zum Teil nur in kleinen Rollen, etwa Angela Winkler, Tom Schilling, Roxane Duran, Florian Lukas, Judith Engel, Peter Matić, Irm Herrmann, Jens Wawrczeck und Hans Peter Hallwachs mit.

Über die Französische Revolution erzählt Brüder viel, jedoch indirekt: durch die Figuren, und wie sie auf die Ereignisse reagieren, wie also sehr unterschiedliche Personen sich in dieser extremen Zeit verhalten, öffentlich und privat. Menschen stehen im Fokus und nicht Ereignisse. Viele monströse Charaktere sind darunter. Ausnahmefiguren, in ihren Stärken wie ihren Schwächen.

Brüder, WDR 3, 26 Teile, sechs Wochen lang jeweils montags bis donnerstags um 19.04 Uhr. Die beiden letzten Teile als Doppelfolge am Freitag, 12. Oktober, ebenfalls 19.04 Uhr.