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Hörspiel "Testo Junkie":Aufschrei einer gequälten Existenz

Testo Junkie

Anika Mauer, Paul Zichner und Noam Brusilovsky (v.l.).

(Foto: Thomas Ernst/SWR)

Im Hörspiel "Testo Junkie" geht es um die Auflösung starrer Geschlechtergrenzen. Es ist wild und wüst, und man muss es aushalten können.

Von Stefan Fischer

Ein wilder Text. Ein wüstes Hörspiel. Passioniert, provokant und pornografisch. Mutig, weil der Regisseur Noam Brusilovsky sich nicht scheut anzuecken und zu verstören. Weil er in Kauf nimmt, abstoßend zu wirken.

Er macht das aber nicht um eines Skandals willen. Sondern aus einer drängenden Notwendigkeit heraus: Testo Junkie ist der Aufschrei einer gequälten Existenz. Der dem Hörspiel zugrunde liegende Text ist 2008 erschienen, geschrieben von Beatriz Preciado. Die Autorin hatte sich einer Eigentherapie mit Testosteron-Gel unterzogen, ohne medizinische Kontrolle und auch noch nicht in der festen Absicht, sich tatsächlich in einen Mann umzuwandeln. Inzwischen ist sie der Gender-Aktivist und Philosoph Paul B. Preciado.

Eine Geschichte "vom Umherwandern, der Irrfahrt, dem Dazwischen der Lebensart"

Die Gründe für diesen selbst herbeigeführten Männlichkeitsschub sind vielfältig. Sie hängen zusammen mit dem Tod eines Schriftstellerfreundes, Guillaume Dustan, und weitaus stärker noch mit einer beginnenden Liebesbeziehung zu der Romanautorin und Filmemacherin Virginie Despentes (Baise-moi). Sie wurzeln jedoch auch tief in der eigenen Kindheit. "Ich will nicht als Mädchen behandelt werden", sagt die junge Beatriz: "Ich verdiene den gleichen Respekt wie mein Vater." In der patriarchalen spanischen Gesellschaft der Franco-Diktatur empfindet Preciado Weiblichkeit als etwas Minderwertiges.

Preciados von Paul Zichner gespieltes Alter Ego entwickelt prompt irritierende sexuelle Macho-Fantasien - und lebt sie mit Despentes, gesprochen von Anika Mauer, auch explizit aus. Preciado verwandelt sich allerdings nicht einfach von einer Frau in einen Mann. Die Geschichte sei keine des Übergangs von einem Punkt zu einem anderen, heißt es an einer Stelle. Sondern eine "vom Umherwandern, der Irrfahrt, dem Dazwischen der Lebensart, von der stetigen Transition ohne feste Identität".

Genau darauf zielt der Testo-Junkie Preciado ab: auf die Auflösung der starren Geschlechtergrenzen, der strikten Trennung in männlich und weiblich. "Geschlecht gilt als anatomische Wahrheit", klagt er, Sexualität werde dadurch reduziert auf die Reproduktion. Und alle geschlechtslosen Teile des Körpers wie die Hände, der Mund oder der Anus würden "aus der Lustproduktion ausgeschlossen und kriminalisiert".

Dieses Dazwischen als Lebensart, diese Existenz ohne feste Identität muss man aushalten können. Noam Brusilovsky geht diesen schmerzhaften, radikalen Weg in Testo Junkie mit. Schonungslos den Figuren und dem Publikum gegenüber.

Testo Junkie, SWR 2, Donnerstag, 23.03 Uhr.

© SZ/cag
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