Schreiben, immer weiter schreiben, auch nach schwersten Erschütterungen und in tiefsten Krisen: Friedrich Hölderlin hat am Dichten festgehalten, auch bei schlechter psychischer Verfassung, in seinem Turmzimmer in Tübingen. Wobei seine Gedichte, nachdem er vollkommen verwirrt aus Bordeaux zurückgekehrt und im Winter 1806/07 sieben Monate lang in der Autenriethschen Klinik eingesperrt war, nur noch wenig gemein hatten mit dem Ton und der Eleganz seines bisherigen Werkes, mit den früheren Elegien und Oden.
Ruth Johanna Benrath nimmt dieses schlichte Spätwerk dennoch ernst in ihrem Hörspiel Sprache, mein Stern. Hölderlin hören, das sie gemeinsam mit Ulrike Haage realisiert hat. Benrath verwebt darin ihr literarisches Ich in einen inneren Dialog mit Hölderlins Texten, in dem es um die Möglichkeit des literarischen Schreibens in Extremsituationen geht. Robert Stadlober, Veronika Bachfischer und Gerd Wameling sind zu hören, drei sanfte Stimmen; dazu die Sopranistin Christina Andersson.
Getragen wird dieses poetische, verspielte Hybrid von Haages Kompositionen: Sie erzählen von der Annäherung Benraths an Hölderlin noch einmal anders, auf einer musikalischen Ebene. Wo Hölderlin in Dur gestimmt ist, setzt Ulrike Haage Molltöne entgegen und umgekehrt. Ganz unaufdringlich ist die Komposition, es ist ein Krabbeln der Geräusche, die mit der Zeit ihre Sogwirkung entfalten. Als Hörer kann man sich in Winkel dieser unabschätzbaren Welt locken lassen, in die nicht einmal die rätselhafte Sprache des Stückes reicht.
Es geht Ruth Johanna Benrath nicht um Gewissheiten, nicht um Urteile. Wie schon in Geh dicht dichtig!, einem lautpoetischen Dialog mit der Autorin Elfriede Gerstl, der sowohl in Deutschland als auch in Österreich zum Hörspiel des Jahres 2019 gekürt wurde, experimentiert Benrath sehr offen und kunstfertig mit dem akustischen Potenzial von Literatur.
Sprache, mein Stern. Hölderlin hören , Bayern 2, 21.05 Uhr und RBB Kultur, 22.04 Uhr.