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Hörspiele:Graswurzelputsch

Sonnenblumen (Helianthus annuus) vor einem Fenster in einem Wohnhaus in Berlin-Wedding, Deutschland *** Sunflowers Helia

Sonnenblumen in Berlin Wedding. Im Hörspiel "Oslower Straße" wären sie im Sinne der Organismusdemokratie gleichberechtigt mit allen anderen Lebewesen.

(Foto: Petra Schneider-Schmelzer/imago images)

Mit "Oslower Straße" bei DLF Kultur und "Dieses Land, dieses Land" bei WDR3 steuern zwei politische Hörspiele auf fulminante Enden zu.

Von Stefan Fischer

So leicht kann man sich nirgends in ein Parlament wählen lassen wie im Berliner Stadtteil Wedding. Passanten werden angesprochen, ob sie nicht eine spezielle Gruppe von Organismen vertreten wollen auf einer Brache in der Oslower Straße. Dort nämlich wurde eine Organismusdemokratie ausgerufen, die erste ihrer Art. Alle Lebewesen sollen gleiche Rechte haben. Füchse ebenso wie Pilze, Insekten genauso wie Gräser.

Wer möchte, wird Repräsentant dieser Volksdemokratie im Grünen, gibt denen eine Stimme, die nicht selbst sprechen können. Jede gärtnerische Aktivität folgt einem Verfassungsauftrag, Pflanzen werden nur dann gestutzt, wenn eine Mehrheit im Parlament der Organismen das möchte, nicht wenn dies dem persönlichen ästhetischen Geschmack eines Menschen folgt.

Diejenigen, die diese Organismendemokratie ausgerufen haben, wollen sie nicht als Kunstprojekt missverstanden wissen; sie beharren darauf, dass es sich um einen Graswurzelputsch handelt. Der das Zusammenleben auf der Erde verändern und das anthropozentrische Weltbild zum Einsturz bringen wird. Es ist dieser behauptete Ernst in David Lindemanns Hörspiel Oslower Straße, der aus dieser Geschichte mehr als eine Spielerei macht - eine Tragikomödie nämlich. Die auf ein fulminantes Ende zusteuert.

Ein massives Unbehagen an den bisherigen Verhältnissen kommt auch in dem Hörspiel Dieses Land, dieses Land der österreichischen Autorin Falkner zum Ausdruck, die ihre literarischen Texte Manifeste nennt und durchnummeriert. Dieses Land, dieses Land ist Manifest 56. Falkners sinnlich komponierte, zugleich punktuell schockierende Geschichten zielen nie auf eine konkrete Situation, sind aber stets eine politische Einmischung in die Gegenwart mit poetischen Mitteln - literarische Manifeste eben. In Dieses Land, dieses Land spricht die Macht persönlich. Sie behauptet, sich im Namen aller zu äußern. Doch das sehen viele Menschen anders. Einige begehren auf, andere trauen sich nicht. Man kann die Lage in Belarus assoziieren, die aktuellen Demonstrationen in Russland. Aber natürlich ist die behauptete Alternativlosigkeit in vielen Aspekten der Corona-Politik ein Subtext, der ebenfalls durchklingt. Auch hier ist das Ende monströs.

Dieses Land, dieses Land, WDR 3, Mittwoch, 19.04 Uhr.

Oslower Straße, DLF Kultur, Mittwoch, 22.03 Uhr.

© SZ/avob
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