Hörspiel "Momentum":Stell dich nicht so an

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(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Im Hörspiel "Momentum" reibt sich eine Familie an der Depression eines Bruders und Sohnes. Mit fatalen Folgen.

Von Stefan Fischer

"Ich brauche meinen großen Bruder zurück", sagt der kleine Bruder. Dieser große Bruder, Jim mit Namen, ist aber vor Jahren irgendwo in Alaska verloren gegangen. Der Kerl, der stattdessen aus dem einsamen Norden nach Kalifornien zurückkehrt, ist "ein alter Mann von 39 Jahren, der keinerlei Kontrolle über sich hat". Also keine Stütze für irgendjemanden ist. Schon gar nicht für den kleinen Bruder, für Gary. Es ist eher so, dass dieser Jim den kleinen Bruder braucht. Und seine Eltern. Freunde, einen Therapeuten. Überhaupt ein soziales Umfeld, ein Netz, das ihn auffängt.

Jim jedoch gibt sich alle erdenkliche Mühe, stets neben dieses Netz zu springen. Oder, wenn er doch darin landet, es zu zerfetzen. Er ist auf brutale Weise direkt und vulgär. Beinahe alles, was er sagt, ist beleidigend und kränkend für sein Gegenüber. Er macht seinen Mitmenschen Angst, vor allem den Eltern. Die, das muss man sagen, aber auch keine große Hilfe sind. "Woher kommt die Idee, dass du glücklich werden könntest?", fragt ihn der Vater in dem einzigen ernsthaften Gespräch, dass die beiden in dem Hörspiel Momentum miteinander führen.

Der Rat des Vaters: Nicht zu viel grübeln, dann kommt man auch nicht auf schlechte Gedanken

Einfach handeln, sich nicht zu viele Gedanken machen - am besten gar keine - und vor allem unter keinen Umständen selbstmitleidig werden. Das rät der Vater, damit ist er leidlich durch sein Leben gekommen. Voraussetzung dafür ist jedoch ein Gemüt wie ein Holzlöffel. Ein gravierender Mangel an Empathie. Eine gewisse Stumpfheit.

Jim jedoch ist an einer schweren Depression erkrankt. David Vann, dessen Roman diesem Hörspiel zugrunde liegt, verarbeitet darin die Depression und den Suizid seines Vaters. "Du weißt, was du anrichtest, und tust es trotzdem", wirft in dieser Geschichte der gesunde Vater dem kranken Sohn vor. Als ob dieser aus Trotz heraus handeln würde, oder aus einer Lust heraus, sich und andere zu quälen.

Darauf fokussiert sich die Regisseurin Irene Schuck in ihrer Adaption fürs Radio: die Stigmatisierung des psychisch Erkrankten durch die Mehrheitsgesellschaft als ein Störenfried. Der Vater, die Mutter, der kleine Bruder Gary - gespielt von Markus Boysen, Hedi Kriegeskotte und Julian Greis - drängen Jim (Jörg Hartmann) in eine Normalität hinein, die für ihren Sohn respektive Bruder gar nicht existiert. "Es gibt eine Welt außerhalb deines Kopfes", fährt Gary Jim einmal an. Er hätte auch sagen können: Verwandle dich gefälligst in ein Känguru.

Momentum, NDR Kultur, 17. November 2021, 20 Uhr.

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