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Hörspiel:Irdisches Paradies

Ezra Pound, 1966

Der Dichter Ezra Pound im Jahr 1966.

(Foto: Horst Tappe/Sueddeutsche Zeitung Photo)

Vierzig Jahre lang arbeitete der amerikanische Dichter Ezra Pound an seinem gigantischen Hauptwerk. Nun zeigt eine Vertonung: Die 1915 begonnene Gedichtsammlung "Cantos" muss man als akustisches Erlebnis genießen.

Es ist ein gigantisches Haupt- und Lebenswerk: Mehr als vierzig Jahre hat Ezra Pound von 1915 an seinen Cantos gedichtet; hat diese zu einem Epos anwachsenden literarischen Gesänge umgeschrieben, neu sortiert und schubweise veröffentlicht. Gemeinsam haben das Schaffensprinzip und der Inhalt: Es geht um permanente Verwandlung. Und so ist es nur konsequent, dass Christian Bertram nun knapp 30 der mehr als 110 Cantos in ein Hörspiel verwandelt hat. Das bietet sich schon deshalb an, weil die Texte eine hohe musikalisch-rhythmische Qualität haben - die Cantos muss man schlichtweg hören. Es sind sehr assoziative Texte.

Ezra Pound verwebt die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts mit einer literarisierten Vergangenheit. So setzt er den Ersten Weltkrieg in eine Beziehung zur Odyssee, und die Finanzindustrie spiegelt er in Dantes Inferno. Die Cantos sind, wenn man so will, ein Dialog mit der Historie. Und eine eigenwillige Schöpfungsgeschichte: Aus Erfahrungen der Vergangenheit leitet Pound, der nicht unumstritten ist, da er lange Zeit vom italienischen Faschismus fasziniert war, eine Utopie ab. Er destilliert ein irdisches Paradies, Handlungsanleitungen für dessen Erschaffung sind geglückte Momente der Menschheitsgeschichte. Wobei die Cantos absichtsvoll reich sind an Widersprüchen und Gegenreden, Negativbeispielen und subjektiven, also anzweifelbaren Betrachtungen. Sie erfordern einen wachen Hörer. Bertram hat das in einer Zeit, in der vor allem das Kino lieber Dystopien anbietet, mit einem spielfreudigen Ensemble inszeniert: Unter den Schauspielern sind Michael Rotschopf, Imogen Kogge sowie die nimmermüden Friedhelm Ptok und Jürgen Holtz.

Cantos , HR 2, 21 Uhr.