Hörspiel im Radio Maßlos gut

Thomas Thieme hat 2013 beim Augsburger Brechtfestival schon einmal alle Rollen in Bertolt Brechts "Baal" verkörpert. Nun leiht er ihnen seine donnernde, zeitlose Stimme - und lässt sich dabei von seinem Sohn helfen. Das Experiment funktioniert.

Von Stefan Fischer

Einen lebensgierigeren Kerl als diesen Baal findet man in der deutschsprachigen Literatur kaum. Und auch kaum einen rücksichtsloseren. Beides hängt miteinander zusammen: Baal muss das Leben körperlich spüren, beim Sex vor allem, in Gewaltausbrüchen und rauschhaften Exzessen. Dieser Dichter zieht damit Menschen in seinen Sog und provoziert andererseits Widerstände - nur so nimmt er seine Existenz wahr. Das führt zwangsläufig zu Verletzungen, physischen wie psychischen, bei ihm wie bei anderen.

Thomas Thieme geht das Wagnis ein und schultert diese Monstrosität nahezu alleine: Beim Augsburger Brechtfestival hat der Schauspieler 2013 erstmals alle Rolle des Baal gespielt, so wie nun auch in der Hörspieladaption von Bertolt Brechts erstem Drama, bearbeitet von Julia von Sell und inszeniert von Matthias Thalheim. Das Konzept geht auf, weil auch die übrigen Figuren unersättlich sind, maßlos im Verlangen nach Ruhm, Bedeutsamkeit, Dominanz, Überwältigung. Das Hörspiel zielt auf das hinter dem Drama liegende Prinzip. Es zeigt Rausch und Kater, Furor und Erschöpfung nicht in der Auseinandersetzung einzelner Charaktere miteinander - sondern als Wirkkräfte, die an einer Figur zerren, in der mehrere Wesen zusammenfallen.

Ganz allein steht aber auch Thomas Thieme nicht in dieser spannungsgeladenen Szenerie. Sein Sohn Arthur, Musiker und Multi-Instrumentalist, singt, spielt Bass und erzählt damit auf nonverbaler Ebene die faszinierende, furchteinflößende Geschichte vom Baal, der auf den vorderasiatischen Fruchtbarkeitsgott zurückgeht und im Christentum zum Urbösen gestempelt worden ist. Und anders als auf der Bühne, wo Thomas Thieme sein Alter nicht leugnen kann, ist hier nur die zeitlose, donnernde Stimme.

Baal, MDR Figaro, 22 Uhr.