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Hörspiel:Herzenswette

Berliner U Bahn

„Zurückbleiben bitte“: Der Sound der Berliner U-Bahn.

(Foto: Karl-Heinz Spremberg/picture alliance)

Ein junger Mann wettet darauf, dass sein Herz nicht bricht. Und klar, da geht was schief. Ein fabelhaftes Stück über die Liebe in Zeiten von Tinder.

"Herzen brechen. Immer." Da ist sich Ralle sicher. Er führt ein Wettbüro in Berlin und wundert sich. Über die neue Wette, die sich sein Stammkunde Tarik hat einfallen lassen: Tarik setzt darauf, dass sein Herz nicht bricht. Normalerweise geben die Leute in Ralles Wettbüro Tipps auf Flugzeugabstürze oder Hitzewellen mit Ernteausfall ab; Tarik aber wettet auf sein Herz.

Ungewöhnlich und rührend beginnt das Hörspiel Ich wünschte , ich hätte dich vor dem Internet kennengelernt. Lars Werner hat es für den Deutschlandfunk produziert. Und schon der Titel lässt erahnen: Da geht was schief. Als Tarik die Wette eingeht, ist man sich dann sicher.

Ein Pannenstrudel, so könnte man das bezeichnen, was mit Tarik passiert, denn natürlich verliebt er sich, natürlich wird ihm das Herz gebrochen, natürlich verliert er die Wette. Man weiß das alles schon ziemlich schnell, aber das Hörspiel schafft es, immer wieder ein Fünkchen Hoffnung aufkommen zu lassen. Es ist ein konstantes Ringen mit dem eigenen inneren Romantiker: "Ach, vielleicht könnte es ja doch ..." und "Nein, das hat doch alles keinen Sinn" wechseln sich im Minutentakt ab. Dass man dennoch eine knappe Stunde lang gebannt zuhört, liegt unter anderem an den Schauspielern, die ihren Figuren innerhalb von kurzer Zeit Charakter geben. Max Schimmelpfennig, 23 Jahre alt, Student an der Universität der Künste Berlin, spricht Tarik. Er stolpert und stöpselt durch seine Sätze, so souverän unsicher, dass man gar nicht anders kann als Mitleid mit seiner Figur zu empfinden, ihm, dem ja jetzt, gleich, irgendwann das Herz gebrochen wird.

Und Ralle? Matthias Rheinheimer berlinert Wettanekdoten und weise Ratschläge. Irgendwann im Laufe des Hörspiels wird er zum Erzähler, der trocken Tariks Leben kommentiert.

Denn Tarik bleibt nicht im Wettbüro hocken. Er schlendert auf einer Party umher, probiert Klimmzüge, geht aufs Klo, schlendert zurück, "hängt zwischen zwei Gesprächen". Der Hörer verfolgt seinen Stream of Consciousness, seine Gedanken, die ein bisschen böse und ein bisschen großartig sind: "Und jetzt sei bitte interessant, oder ich muss die nächsten fünfzehn Minuten so tun, als ob."

Auftritt Ella. Die ist wirklich interessant, findet Tarik, weil sie so gut "von unten nach oben guckt und dabei grinst". Doch Ella datet gerade keine "Boys" und gibt Tarik einen Korb. Schauspielerin Linda Blümchens kehlige Stimme, die immer ein bisschen wegbricht, eignet sich ausgesprochen gut für die rotzige Ella.

Blümchen und Schimmelpfennig, Kommilitonen an der UDK Berlin, spielen das ungleiche Paar, das Ella und Tarik - natürlich - werden, mit einem sehr direkten, unaufgeregten Tonfall. Sie lassen Emotionen zu, ohne dabei ihre Natürlichkeit zu verlieren und verleihen Werners poetischem Text Lässigkeit.

Es ist riskant für Tarik, sich zu verlieben, gerade jetzt wo er auf sein nichtgebrochenes Herz gesetzt hat. Irgendwann stellt sich heraus, dass Ella dagegen gewettet hat, es ist schon länger her, sie wusste nicht, dass es um Tarik ging. Das macht es den beiden nur noch schwerer, eine Beziehung zu führen. Lars Werner gelingt es, mit dieser absurden Geschichte scheinbar nebenbei schwierige Fragen der "Generation Y" in ein neues Licht zu rücken: Kommt da noch was Besseres? Wie kann ich mir sicher sein, dass du mich liebst?

Immer wieder hört man im Hintergrund die Berliner U-Bahn-Stimme, das eisige "Zurückbleiben bitte", das Geräusch, wenn die Türen zugehen und das Zischen, wenn die Bahn losfährt. Die Soundcollage unterstützt dieses Gefühl: Gleich könnte alles vorbei sein. Der Pannenstrudel, der Ella und Tarek hinabzieht. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als zuzuhören, wie die beiden aneinander untergehen. Und das war selten so schön wie in diesem Hörspiel.

Ich wünschte, ich hätte dich vor dem Internet kennengelernt . DLF Kultur, 22.03 Uhr.