Süddeutsche Zeitung

Hörspiel:Fürsten der Finsternis

"Die Schuld des Delinquenten ist erwiesen durch den Umstand, dass der Prozess stattfindet": Das Hörspiel "Hölle" des Dichters Michael Lentz ist eine Art akustische Dunkelkammer.

Irgendwann spricht Luzifer doch noch ein Urteil: "Der Angeklagte wird zu immerwährender Dunkelkammer seiner Kindheit verurteilt", verkündet der gefallene Engel gestelzt. Also in eine Dachkammer gesperrt, in der er kaum aufrecht stehen kann. Und er bekommt lediglich die Bibel mit, einen Holz- und einen Perlmutt-Jesus sowie einen roten Plattenspieler und eine einzige LP, eine Aufnahme von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion.

Sieht so die Hölle aus?

Die Ankläger, die in Personalunion auch die Richter sind, wissen es nicht, können sich nicht auf eine Beschreibung der Hölle einigen. Nicht einmal Luzifer kann eine exakte Vorstellung von ihr vermitteln. Deshalb beginnt dieser merkwürdige Prozess immer wieder aufs Neue. Und stets mit einer babylonischen Sprachverwirrung sich mannigfach überlagernder Stimmen. Dabei wäre er im Prinzip schnell zu beenden: "Die Schuld des Delinquenten ist erwiesen durch den Umstand, dass der Prozess stattfindet", verkündet die Protokollantin. So läuft das in diesem Fegefeuer, das Michael Lentz in Hörspiel Hölle entfacht.

Dieses Hörspiel des sprachartistischen Dichters Lentz ist selbst eine Art akustischer Dunkelkammer. Die Dinge nehmen nur sehr zögerlich erkennbare Konturen an, das meiste bleibt nebulös im Ungefähren. Anfangs geht ein unbarmherziger Vater gerichtlich gegen seinen Sohn vor, der offenkundig noch im Kindesalter ist. Die zur Last gelegte Verfehlung wird nicht bekannt. Die Schuld wird dennoch schlichtweg behauptet.

Nur der Vollzug der Strafe ist fraglich. Höllenqualen soll der Angeklagte leiden - aber was genau darf man sich darunter vorstellen? Ist schon der Prozess an sich eine solche, weil er nur zum Gaudium der Teilnehmer stattfindet und also für den Vorverurteilten maximal demütigend ist? Und ist die Dachkammer-Pein wiederum nicht vergleichsweise läppisch? Das soll alles sein, was Luzifer draufhat?

Eine unaufgeklärte, an Hieronymus Bosch erinnernde Szenerie entwirft Lentz, ein System, das rational nicht zu erfassen ist. In dem ein unkalkulierbarer Gott und eine ebenfalls nicht fassbare höllische Drohkulisse den Menschen disziplinieren sollen. Lentz macht sich an die Zertrümmerung dieses Systems, doch nach jeder Zerstörung erfolgt eine Wiederholung, ein Neuaufbau. Wobei die Schleifen, die diese irritierende Geschichte nimmt, immer blasphemischer werden. Hörspiel Hölle ist auch die Geschichte einer Emanzipation von einem als willkürlich und maßlos ungerecht empfundenen Normensystem.

Der redundante Schauprozess verwandelt sich dabei zunehmend in eine Show. Der Delinquent, der nicht mehr das Kind ist, wird vom Spielball immer stärker zum Akteur. Und in den Versuchen einer Höllenbeschreibung taucht als eine Option plötzlich auf, die Kuppel eines Zirkuszeltes könnte der Eingang zur Hölle sein. Folglich wären die zu Schreckgestalten aufgeblähten Fratzen der Finsternis, mit denen dem Kind Angst eingejagt worden ist, lediglich Akrobaten, Gaukler und Clowns.

Und so schwingt das Pendel schließlich in die entgegengesetzte Richtung. Jede religiöse oder kultische Handlung wird zu einem Event, ist nicht mehr sie selbst, sondern nur noch Inszenierung. "Zu welcher Passionsmesse wäre Jesus selbst wohl am liebsten aufgetreten?", steht irgendwann als Frage im Raum. Und eine Geißelung wird zur Abendveranstaltung in der Philharmonie, wobei an die Besucher Kräuterbonbons verteilt werden, damit sie durch Husten und Räuspern die Weihestimmung nicht stören und den Heiligen Geist nicht belästigen.

Die von Gunnar Geisse komponierte Musik vollzieht diesen Schritt nicht mit. Sie bleibt bis zum Schluss dräuend, disharmonisch, molltönend und tief. Michael Lentz, der selbst auch als Sprecher auftritt, hat sie auf dem Saxofon eingespielt. Die Hölle hat viele Gestalten.

Hörspiel Hölle , Bayern 2, 21.05 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 16.08.2019
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